
Von Lieselotte Sowa
Und plötzlich war das Schachspiel da...
Weiß der Himmel, wie´s geschah,
plötzlich war das Schachspiel da.
Mit Dame, Turm und Bäuerlein,
drang es in unser Leben ein.
Karl sprach von Kunst und Wissenschaft,
vom Springer und des Turmes Macht.
Mit stürmischen Gedankenflug
erklärte er mir Zug um Zug.
Doch ich begriff nicht allzu viel
von diesem "Königlichen Spiel".
Karl blickte wie ein Feldherr drein,
ich starrte auf die Bäuerlein.
Beim ersten Spiel gab es ein Patt,
dann setzte ich den Lehrer matt.
"Revanche!", forderte er geknickt,
ich spielte nun sehr ungeschickt.
Von Herzen gönnt ich ihm den Sieg,
was hab ich schon vom Ehekrieg?
Mein Buchgeschenk bracht schlimme Wende,
fast ging die Häuslichkeit zu Ende!
"Angriff und Verteidigung"
Brachte toll den Geist in Schwung.
Karl war ganz der Welt entrückt,
mich hat alles sehr bedrückt.
Ihn lockten Springer und die Bauern,
ich konnt den Armen nur bedauern.
Er stiert ins Buch in einem fort,
kaum hörte ich ein liebes Wort.
Die starre Königin aus Holz
führt er mit besonderem Stolz.
Er sah nicht meine holde Pracht,
und floh stets freitags vor halb acht.
Ich blieb allein mit meinen Sorgen,
sehr einsam bis zum frühen Morgen.
Zurückgekehrt, ließ ihn das kalt,
er machte vor dem Schachbrett halt.
Und ich hab die lange Nacht
nur an meinen Karl gedacht!
Ihn lockte ganz allein das Holz,
tief verletzt war nun mein Stolz.
Denken und analysieren,
"böse" auf das Brett hinstieren,
nach Mitternacht Figuren ziehen,
verdammt sei solches Schachbemühen!
Er zog die Dame und den Turm,
was war ich - brummt er - für ein Wurm?
Wovon ließ ich mich leiten?
Zum Matt konnt ich doch schreiten!
Die Dame strahlte voller Kraft,
mit ihr hätt ich mein Ziel geschafft!
Sie kann nicht mehr entrinnen,
mein Gegner wird gewinnen!
Er schlägt sie auf e3,
aus ist es und vorbei!
Auf e6 war sie zu halten,
folgerichtig musst ich schalten!
Er sagts, ließ Brett und Dame stehen,
um sinnend in sein Bett zu gehn.
Er träumt von seinem Königspaar,
das um den Sieg betrogen war.
Mit seinem Schach ging es bergauf,
verändert war der Tageslauf.
In einer gänzlich andren Welt,
fühlt er sich bald als großer Held!
Schwarz-weiße Felder sind sein Leben,
ich hab den Kampf jetzt aufgegeben.
Sag ich, wie schön es früher war,
spricht er von seinem Läuferpaar.
Er freut sich immer wie ein Kind,
wenn er dem "bösen" Matt entrinnt.
Und tragt ihr Englein ihn einst fort,
ist sicher "Schach" sein letztes Wort.