Sehr geehrte Görlitzer und Gäste, liebe Kunstfreunde,
sehr geehrter Michael Goller,
zunächst bedanke ich mich beim Präsidenten des
Schachvereins Görlitz 1990 Herrn Siegfried Müller sowie beim Bürgermeister
von Zawidow, Herrn Józef Sontowski für die herzlichen Worte zur Begrüßung.
Wer schon einmal die Homepage unseres Schachvereins besucht hat, wird
festgestellt haben, dass wir dort nicht nur über unser Vereinsleben,
Punktspiele und das alljährlich stattfindende Äskulap-Turnier berichten. Wir
bieten an dieser Stelle auch Künstlern eine Plattform, die sich in ihren
Werken mit dem Thema „Schach“ auseinandersetzen.
Darum ist es mir nun eine besondere Freude, den
Chemnitzer Maler und Lyriker Michael Goller mit seiner Ausstellung
„Schachbilder“ zu begrüßen. Ermöglicht wurde dieses Projekt durch die
NeisseGalerie Görlitz in Zusammenarbeit mit dem Görlitzer Schachverein. Mein
Dank gilt an dieser Stelle Frau Ullrich und ihren Kolleginnen, die uns stets
mit Rat und Tat bei der Vorbereitung der Ausstellung unterstützt haben.
Nun mehr zu Michael Goller und seinen Arbeiten:
Michael Goller wurde 1974 im heutigen Chemnitz geboren. Schon in seiner
Kindheit entdeckte er seine Liebe zum Zeichnen. So entstanden mit 12 Jahren
erste Federzeichnungen mit Landkarten, Menschen und Schriften. Seit seinem
14. Lebensjahr hat sich Michael Goller intensiv mit Malerei befasst. Seine
ersten Ölbilder entstanden mit 18 Jahren.
Von 1995 bis 2000 folgte ein Medienstudium an der
Hochschule Mittweida, das er mit dem Diplom abschloss. Dem schloss sich ein
einjähriger Lehrauftrag für Mediendesign an dieser Hochschule an.
Während dieser Jahre durchlebte Michael Goller eine
künstlerische Entwicklung, die sich prägend auf seinen heutigen Stil
auswirken sollte. 1997 begann er das beidhändige Scheiben und Zeichnen. Es
entstanden erste Bilder mit Ebenen. Er entwickelte eine eigene
hieroglyphenartige Schrift, die Elemente des Bildes beschreibt. Die in die
noch feuchte Ölfarbe geritzten Schriftsymbole in seinen Gemälden sind heute
ein Markenzeichen Michael Gollers. Er hatte in den letzten Jahren u. a.
Ausstellungen in Leipzig, Berlin, Hamburg und erst kürzlich im polnischen
Katowice. Allein am heutigen Tage sind Arbeiten von ihm auch in Chemnitz,
Dresden, Essen und Husum zu bewundern.
Fast alle Bilder Gollers haben zeichnerische Elemente. So
finden sich auf seinen Bildern oft ähnliche Gegenstände – bei den hier in
Görlitz gezeigten sind es oft Schachfiguren. Sein typisches "Bild im Bild"
bildet den Kontrast zu Farbe und Fläche.
Die Übermalung ist ein Grundprinzip dieser Ausstellung
und vielleicht Gollers künstlerischen Ansatzes überhaupt. Die untere
Schicht, meist Inhaltsträger, bleibt nur noch fragmentarisch erhalten oder
wird in Ausschnitten wieder "ausgegraben".
Hat Michael Goller in den hier gezeigten Stillleben aus
den Jahren 2003 und 2004 noch alte Landkarten übermalt, so ist er inzwischen
dazu übergegangen, die zu übermalende Bildebene selbst zu erstellen. Basis
für die drei 2006 entstandenen Arbeiten mit dem Titel "Asperger-Syndrom"
sind drei Werke aus einer fünf Jahre zuvor entstandenen Serie "42 Köpfe".
Diese passen thematisch perfekt zu den "Internal Server Error"-Bildern. Es
sind sehr persönliche und malerische Arbeiten. Ausgangspunkt war eine
tiefere Beschäftigung mit autistischen Störungen.
Die beiden Papierarbeiten "Schachspieler" entstanden
bereits 2001 in einer Folge von Papierarbeiten, die nach "Mensch und
Werkzeug" sucht. So gibt es noch Tennisspieler, Mikrofonredner,
Gitarrespieler usw. . Bei den hier gezeigten Schachspielern findet die prägende,
äußerlich sichtbare Aktion in dem kurzen Moment des Interagierens mit der
Schachfigur statt, wenige Sekunden des Aufnehmens und Absetzens der Figur.
Die Idee des Spiels, die Absicht des Zuges, ist hingegen von außen nicht
sichtbar, es ist nur eine fragmentarische Ebene. Die Malerei versucht nun
dabei die Schnittstelle auszuloten zwischen innen und außen.
Die drei Bildnisse "Erinnerungen an Licht" entstanden
2006. Hier hat Michael Goller seine Künstlerkollegen Klaus Sobolewski und
Peter Piek sowie sich selbst porträtiert. Die konkrete Person ist hier die
untere Ebene, die hinter den Schachfiguren, hinter dem dialogischen
Bewusstsein liegt. Es ist eine Wahrnehmung wie während eines Spiels. Zudem
eine Suche nach Weiß, ein Vorgriff auf eine Entwicklung, die bis heute
anhält.
Die kleinformatigen Stillleben mit Schachfiguren
entstanden erst vor kurzem, in Fortführung des gleichen Gedankens. Eine
konkrete Bildsituation (Hier wurden Vorlagen aus einem Werbeprospekt für
Internet-Server verwendet!) und das konkrete Schachstillleben darüber sind
sehr deutlich und plakativ. Die Frage nach dem Wert und der Art der
Kommunikation stellt sich. Das hat Michael Goller immer schon beschäftigt,
die Fragen wurden quälend bei der intensiven Begegnung mit
Programmierungsstrukturen und forderten eine malerische Suche nach einer
Antwort. Daran arbeitet er bis heute.
Das Schachspiel entwickelt sich aus einer dialogischen
kommunikativen Situation. In gewisser Weise eine Sprache, ein Gespräch,
statt aus Wörtern aus Zügen bestehend. Aus dem guten Spiel (wie auch aus dem
guten Gespräch) entsteht ein eigenes Gesprächsbewusstsein, ein
interdialogisches Subjekt. Es ist dann so, als würde zwischen den
Gesprächsteilnehmern (oder Spielern) eine dritte Person auftauchen, die
durch ihre Präsenz den Dialog steigert: Das dialogische Bewusstsein. So
einen Versuch macht nun auch die Malerei, nach dem Bewusstsein dazwischen zu
suchen. Mittel sind Ebenen, Fragmente, Einbrüche und die Hoffnung, dass im
Malerischen sich alles findet.
Zusammenfassend lässt sich sagen, Michael Gollers
Arbeiten fordern den Dialog zwischen Bild und Betrachter. Sollen Sinn und
Anliegen der Werke nicht verborgen bleiben, muss man sich ihnen nähern wie
einem auszugrabenden Schatz. Die Realität in seinen Bildern ist nur
Fragment, das sich mit anderen Dimensionen ergänzt zu einem Bildkosmos.
Seine Bilder sind wie Eisberge. Sie umfassen das Ganze und zeigen dennoch
nur einen kleinen Teil. Der Rest muss gefühlt werden, ist nicht in Worte zu
fassen. Rechteckige Durchbrüche sind „Kommunikationspunkte“. Wie schwarze
Löcher ziehen sie unsere Aufmerksamkeit auf sich. Eigentlich müsste der
Betrachter viel mehr Zeit haben. Mindestens soviel wie das Malen des Bildes
in Anspruch nahm, also oft Monate.
Wenn das Licht in Michael Gollers Atelier nachmittags gut zum
Malen ist, entstehen langsam vielschichtige und vielgeschichtige Werke auf
der Suche nach dem Urbild. Die Suche währt noch immer. Und wir können nur
hoffen, dass er sein Ziel nie erreicht. Denn dann ginge uns ein großartiger
Maler verloren.