XX. Äskulap-Turnier 2003

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Jubiläumsturnier war ein echter Höhepunkt

Andreas Weiß (Görlitz) berichtet vom XX. Äskulap-Turnier aus der Neißestadt

Das östlichste Schachturnier Deutschlands erfreut sich seit Jahren einer immer größeren Beliebtheit. Zur Jubiläumsauflage ließ sich der ausrichtende SV Görlitz 1990 etwas Besonderes einfallen. Unter der bewährten Leitung von Vereinspräsident Günter Pätzold und seiner Vizepräsidentin Hannelore Liebs wurde die 2003er-Auflage wiederum ein echter Höhepunkt. In den letzten Jahren stieg die Teilnehmerzahl jeweils beträchtlich, so dass im Vorjahr die Kapazitätsgrenze des Turniersaales erreicht wurde. Um niemandem absagen zu müssen, beschloss das Görlitzer Organisationskomitee erstmals ein weiteres Turnier auszurichten, so dass 2003 neben dem XX. Äskulap-Turnier das 1. Apotheken-Turnier zur Austragung kam. Karfreitag konnten zudem die Nichtaktiven im Freizeitturnier und die Schüler in zwei Äskulap-Juniorturnieren ihre Kräfte messen, so dass rund 200 Schachakteure an den Brettern saßen.

Auszeichnung für den SV Görlitz

Zur Eröffnung erschien in diesem Jahr Görlitz' Oberbürgermeister Prof. Dr. Rolf Karbaum persönlich. Das Görlitzer Stadtoberhaupt zeigte sich wie auch bei der Siegerehrung sehr beeindruckt vom Geschehen und der großen Anzahl an Schachsportlern. Der SVS-Präsident Siegfried Müller nutzte diesen Anlass, dem Schachverein Görlitz 1990 für sein Engagement den SVS-Ehrenwimpel zu verleihen, den Vereinspräsident Günter Pätzold unter großem Beifall entgegennahm.
Austragungsort war wie in den Jahren zuvor das Jugendhaus "Wartburg", dessen Belegschaft die Turniere wiederum in vorbildlicher Weise unterstützte. Damit waren kurze Wege in das Zentrum einer der schönsten deutschen Städte angesagt. Als günstig erwies sich wiederum der Termin. Nur einen Tag musste man als Berufstätiger frei nehmen und ab Ostersonntag hatte man Zeit für die Familie, wenngleich es sicher noch mehr Teilnehmer gegeben hätte, wäre der Donnerstag wie in den Jahren zuvor ein Ferientermin gewesen (So mancher Lehrer und Schüler hatte damit ein Freistellungsproblem.). Dies ist neben den überaus günstigen Preisen für die ganztägige Verpflegung einer der Gründe, warum das Äskulap-Turnier einen solch hohen Anteil von Stammteilnehmern aufzuweisen hat.
Im Vorfeld leistete das Organisationsteam mit Günter Pätzold und Hannelore Liebs an der Spitze eine hervorragende Arbeit. Als Schiedsrichter für das Open konnte wiederum der stets zuverlässige Werner Schreyer aus Dresden gewonnen werden. Mit fünf Großmeistern und vier Internationalen Meistern erlebte die Jubiläumsauflage des Äskulaps erneut eine starke Besetzung.
Zudem wiesen fünfzig Teilnehmer eine Elozahl auf, was die Attraktivität des Turniers erhöhte. Traditionell weist das Open an der Neiße einen hohen Frauen- und Mädchenanteil auf: 16 Starterinnen im Äskulap und sieben beim Apotheken-Turnier können sich sehen lassen. Insgesamt starteten 133 Schachsportler in beiden Open, so dass es gegenüber dem Vorjahr, als ein neuer Teilnehmerrekord erzielt wurde, noch einmal eine Steigerung um mehr als zehn Prozent gab.

Start ohne Überraschungen

Die Auftaktrunde verlief ohne nennenswerte Überraschungen. An den ersten fünfzehn Brettern setzten sich durchweg die Favoriten durch. Mario Kosubek vom Ausrichter, Mannschaftsleiter der Görlitzer Landesklassenvertretung, zeigte eine gute Leistung am Spitzenbrett gegen den zweifachen Äskulapsieger, Großmeister Jurij Zezulkin. Er beschäftigte den Turnierfavoriten in einer interessanten Partie sehr lange. Am Ende blieb die Überraschung zwar aus, aber für den Görlitzer war dies eine schöne Erfahrung.

Erste Überraschungen

In der zweiten Runde gab es die ersten Überraschungen. Großmeister Zigurds Lanka kam gegen Harry Kliebe von der TSG Lübbenau nicht über ein Remis hinaus. Der Internationale Meister Drazen Muse musste sich gegen die achtzehnjährige Görlitzerin Anna Socha mit dem gleichen Resultat begnügen. Auch der an Nummer elf gesetzte Berliner Michael Schulz gab einen halben Zähler gegen das Rüdersdorfer Talent Stefan Frübing ab. Die Teilnehmerinnen erkämpften fünfzig Prozent der möglichen Punkte und standen dem starken Geschlecht nicht nach. Mit drei Geburtstagskindern unter den Teilnehmern gab es an diesem Tag viel zu feiern.

Ein Sextett an der Spitze

Viel Spannung und einige Überraschungen bot die dritte Runde. Höhepunkt war sicher das dramatische Partiefinale zwischen Sandra Ulms, der sächsischen Frauenschach-Referentin, und Großmeister Janis Klovans. 47 Sekunden hatte der dreifache Seniorenweltmeister für zwölf Züge, 17 Sekunden für elf Züge und schließlich 9 (!) Sekunden für zehn Züge. In diesen neun Sekunden spielte der mit 67 Jahren älteste Turnierteilnehmer sogar noch etwas für die Galerie und opferte seine Dame im 36. Zug auf h2. Mit einer Sekunde Restzeit nach 40 Zügen hatte er die Zeit geschafft und errang sogar den ganzen Punkt. Seiner Kontrahentin fehlte im letzten Augenblick das nötige Quäntchen Glück.
Dagegen fühlte sich der Wittenberger Benno Pankrath wieder einmal gegen großmeisterliches Schach besonders wohl. Nach dem Sieg gegen die Großmeisterin Inna Janowskaja im Vorjahr sorgte er dafür, dass auch der zweite Ex-Weltmeister mit einem blauen Auge davonkam. Gegen Roman Slobodjan remisierte er. Der Dresdner Paul Hoffmann nahm indes dem Vorjahressieger, IM Leonid Voloshin, ein Remis ab. Bereits ihren zweiten Sieg fuhr Melanie Ohme ein.

Klovans allein an der Spitze

Die Spitzenpaarungen zwischen dem Internationalen Meister Zbiegniew Ksieski und Großmeister Jurij Zezulkin sowie zwischen Großmeister Petr Haba und Mike Stolz endeten jeweils nach relativ kurzer Zügezahl remis. Dagegen kämpften Großmeister Janis Klovans und der Internationale Meister Ralf Schöne 56 Züge lang, ehe sich der Favorit als Weißer durchsetzte. Damit lag Klovans nach vier Runden mit einer makellosen Punktebilanz allein an der Spitze. Für eine Überraschung sorgte der Zittauer Dr. Frank Hollstein, indem er dem Vorjahressieger Leonid Voloshin einen halben Zähler abnahm. Zudem war es die Runde der Teilnehmerinnen, die eine positive Bilanz erreichten (nur noch in der letzten Runde wiederholend), mit Weiß sogar sieben Punkte aus den zehn Partien dieser Runde. Insgesamt endeten 22 Partien, immerhin vierzig Prozent, des vierten Durchganges remis. Dies wurde mit genau der gleichen Anzahl in der Schlussrunde noch einmal erreicht.

Ex-Juniorenweltmeister schließt auf

Wiederum gab es nur einen Sieg an den Spitzenbrettern. Diesmal setzte sich Großmeister Roman Slobodjan gegen den Internationalen Meister Zbiegniew Ksieski nach 53 Zügen durch, wobei das Endspiel für die Kiebitze besonders interessant war. Es gab es an den anderen Brettern erfreulicherweise keine Kurzremisen, sondern auch hier wurde gekämpft. Der Magdeburger Mike Stolz nahm auch dem zweiten Großmeister als Nachziehender einen halben Punkt ab und etablierte sich im Spitzenfeld. Am 28. Brett setzte sich im Duell der Generationen die dreifache DDR-Einzelmeisterin Dr. Gabriele Just im Leipziger Stadtderby gegen das sächsische Nachwuchstalent Melanie Ohme durch. Dr. Just errang 1964, 1965 und 1972 den DDR-Einzelmeistertitel der Frauen und ist seit vielen Jahren Stammgast in Görlitz. Der erst zwölfjährigen Melanie fehlt zwar noch der entsprechende Einzeltitel. Die Kaderspielerin des Deutschen Schachbundes ist jedoch aktuelle Deutsche Vizemeisterin der U 12 und spielte eine hervorragende Weltmeisterschaft im November in Griechenland. Ansonsten spielten die Frauen und Mädchen in dieser Runde buchstäblich wie Schwarz und Weiß: 5:1 lautete die Weißausbeute, alle zehn (!) Schwarzpartien gingen für sie allerdings verloren.

Zwei Exweltmeister schenken sich nichts

Die Vorschlussrunde war geprägt von einem sehr kämpferischen Schach. An den ersten sieben Brettern gab es lediglich ein Remis. Doch diese Punkteteilung zwischen dem dreifachen Seniorenweltmeister, Großmeister Janis Klovans, und dem Ex-Juniorenweltmeister, Großmeister Roman Slobodjan, hatte es in sich. Nach knapp fünf Stunden war fast nichts mehr auf dem Brett und Klovans konnte mit einem etwas glücklichen Remis in der Zeitnotphase den Sturm seines Kontrahenten neutralisieren. Für die Zuschauer gab es damit eine äußerst interessante Partie am Spitzenbrett. An den nächsten sechs Brettern setzten sich die favorisierten internationalen Titelträger durch. Auch dabei kamen die Kiebitze auf ihre Kosten, sah man doch so manche interessante Abwicklung.
Vor der Schlussrunde konnte die Spannung im Kampf um den Turniersieg kaum höher sein: Gleich sieben Akteure wiesen fünf Punkte auf, darunter alle fünf Großmeister. Mit Zbigniew Ksieski und Dr. Dirk Jordan lagen zwei Teilnehmer mit 4,5 Zählern in Lauerstellung, wobei der Pole theoretisch dank guter Wertung selbst noch Turniersieger werden konnte, zumindest aber Rang drei im Visier hatte.

Jurij Zezulkin zum dritten Male

Die Schlussrunde ging über die vollen fünf Stunden, um den Turniersieg wurde hart gekämpft. Allerdings versuchte es in den beiden reinen Großmeisterpaarungen niemand mehr ernsthaft, um Platz eins zu kämpfen. Großmeister Slobodjan war noch zu sehr vom verpassten Sieg in der sechsten Runde enttäuscht und trennte sich von Großmeister Haba ebenso schnell remis wie die Großmeister Lanka und Klovans im "lettischen Gambit". Der zweifache Äskulap-Gewinner, Großmeister Jurij Zezulkin, löste seine Aufgabe gegen den Vorjahressieger Leonid Voloshin sehr souverän und hatte mit sechs Zählern zumindest Rang zwei sicher. Die äußerst enge Wertung ließ aber auch Drazen Muse hoffen, der zunächst gegen Zbigniew Ksieski als gar nicht so aussichtsreich eingeschätzt wurde. Doch nach fünf Stunden sah alles ganz anders aus. Muse gewann und zog mit Zezulkin gleich. Ein Wertungspunkt entschied schließlich darüber, dass der in Polen lebende Großmeister Jurij Zezulkin aus Weißrussland zum dritten Male nach 2000 und 2001 das Äskulap-Turnier als Sieger beendete. Damit kommt er dem vierfachen Äskulap-Gewinner Andreas Hauschild, seinerzeit noch bei der nahe Löbau gelegenen TSG Lawalde beheimatet, sehr nahe. Der Internationale Meister Drazen Muse profitierte sicher auch davon, dass er wegen des bereits in der zweiten Runde abgegebenen halben Punktes mit Großmeister Petr Haba nur einen Kontrahenten aus den Topten bekam. Im entscheidenden Augenblick setzte er sich durch und erkämpfte damit den zweiten Platz, womit er als einziger in die Phalanx der fünf Großmeister, die sich allesamt unter den ersten sechs platzierten, eindrang. Rang drei ging wie im Jahre 2001 an Großmeister Janis Klovans, der die Medaillenränge im Vorjahr noch verfehlte.
Petr Haba, Zigurds Lanka und Roman Slobodjan hätten in der Schlussrunde auf Sieg spielen müssen, um mehr zu erreichen. Zumindest bei Haba wäre dies dann Rang eins gewesen. Haba und Lanka verpassten zum wiederholten Male den Sprung aufs Görlitzer Treppchen. Der Titelverteidiger Leonid Voloshin, im Jahre 2000 bereits Zweiter, musste sich mit Rang sieben begnügen. Zbigniew Ksieski, in den letzten vier Jahren je zweimal Dritter und Zweiter, rutschte diesmal gar auf Platz 13 ab. Für ihn wird dies wohl die Unglückszahl bedeuten, zumal er die beste Wertung aller Teilnehmer aufwies.
Ein überaus starkes Turnier spielte Stefan Frübing vom SV Rüdersdorf. Der an Nummer 42 gesetzte 15-Jährige landete auf dem starken zwölften Platz. Einen Rang davor platzierte sich Piotr Kowalak als bester Görlitzer. Anna Socha vom SV Görlitz 1990 stand ihm auf Rang 14 als erfolgreichste Frau kaum nach. Die Sachsenmeisterin der U14, Hoa-My Nguyen vom SC Leipzig-Gohlis, spielte mit fünfzig Prozent der Punkte gleichfalls ein sehr starkes Turnier. Lohn waren unter anderem rund 160 dazugewonnene DWZ-Punkte.

Erstmals ein zweites Turnier

Zu einer gelungenen Veranstaltung entwickelte sich das erstmals durchgeführte Apotheken-Turnier für Spieler mit einer DWZ bis 1800. Mit 30 Teilnehmern war es mehr als ein gelungener Start. Alfred Abt vom SK Heidenau, Fritz Borrmann aus Löbau und Andre Sterley vom TSV Kücknitz starteten mit jeweils drei Zählern aus den ersten drei Runden. Am Ende konnte sich jedoch keiner von ihnen unter den ersten drei platzieren. In den vier Runden der zweiten Turnierhälfte gelang Borrmann kein Sieg mehr, Abt und Sterley gerade mal jeweils ein einziger. Ralf Rennert vom Dresdner SC 1898 legte einen furiosen Zwischenspurt von vier aus vier ein. Drei Siege in Folge gelangen Peter Micheel von der HSG Uni Rostock und Anett Konetzke vom Ausrichter gab nur einen halben Zähler in den letzten vier Runden ab. Diese drei kamen schließlich punktgleich mit jeweils 5,5 Zählern ein, so dass die Wertung entscheiden musste. Das frühzeitige Abgeben von Punkten, natürlich nicht freiwillig, machte sich für das Spitzentrio bezahlt. Die Akteure mit der besten Wertung folgten erst ab Rang vier. Am Ende hatte der Rostocker das nötige Glück auf seiner Seite und gewann dank besserer Wertung vor dem Dresdner und der Görlitzerin. Die sechs 1700er landeten allesamt unter den ersten acht. Dazwischen schoben sich zwei "Nichtaktive" auf die Ränge vier und sieben, die aber über entsprechende Turniererfahrungen verfügen, so dass der Begriff "vereinslos" wohl die bessere Bezeichnung ist.
Besonders für den Schachnachwuchs eignete sich das Turnier sehr gut. Ein Viertel waren Teilnehmerinnen, so dass diese Tradition Görlitzer Turniere auch hier ihre Fortsetzung fand. Zudem war fast die Hälfte aller Bundesländer im B-Turnier vertreten. Dies zeigt ganz deutlich, wie gut auch diese zusätzliche Veranstaltung angenommen wird. Daher wird es diesbezüglich eine Fortsetzung im nächsten Jahr geben.

Nichtaktive und Kinder an die Bretter

Am Karfreitag fanden traditionell das Freizeit- und die Nachwuchsturniere statt. Neben ehemaligen Aktiven fanden wiederum Interessenten den Weg zum Freizeitturnier, die erstmals an einer Schachveranstaltung teilnahmen und alle hatten viel Spaß dabei. Die Nachwuchsturniere waren eine sichere Beute von Jonas Dünzel vom SC 90 Niesky in der U10 und Felix Häusler vom SC Oberland in der U14. Vielleicht sieht man beide im nächsten Jahr in einem der beiden großen Turniere.
Ein ganz besonderer Dank muss an dieser Stelle den zahlreichen Helfern des Schachvereins Görlitz ausgesprochen werden. Neben vielen Händen aus dem Verein packten auch mehrere Familienmitglieder und Bekannte mit an und leisteten einen wichtigen Beitrag dazu, dass das Äskulap 2003 mit seinen weiteren Veranstaltungen ein echter Schachhöhepunkt wurde.

Quelle: "Rochade" 6/2003

© 2001-2004 Anett Sänger *** Schachverein Görlitz 1990 e. V.
letzte Aktualisierung am 21. Mai 2004