Kolumne: Tak Maschina

Tier, Mensch, Übergangsfeld
oder Tak-Maschina und andere Endspieldramen

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"In der Eröffnung muss ein Meister wie ein Buch spielen, im Mittelspiel wie ein
Zauberer und im Endspiel wie ein Automat."
(Rudolf Spielmann)
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A celebration of your teenage station. This inexperience, sweet, delirious. Supernatural, superserious. (R.E.M., Supernatural Superserious, Accelerate, 2008)

Turm gegen Turm und Läufer, dit konnte Ilja Brener schon mit zehn. (Holger Borchers)

Normalerweise gehört das Endspiel Turm gegen Turm und Läufer zum Repertoire eines jeden DWZ-1800-Spielers, so Holger Borchers, und selbst wenn er jene profane Kleinigkeit berücksichtige, dass nämlich die meisten Schachspieler dieses Endspiel während ihres Lebens niemals auf dem Brett zu sehen bekommen, dann muss sich dieses Endspiel zumindest aber im Repertoire eines jeden DWZ-2000-Spielers befinden. Als Florian Kugler in der Eröffnungsrunde des XXVI. Äskulap-Turniers die Partie gegen den Internationalen Meister Zbigniew Ksieski enttäuscht aufgab, hatte es Nachwuchstrainer Holger Borchers schon lange gewusst, wie dieses Turm-gegen-Turm-und-Läufer-Endspiel ausgehen würde: wie eine Reise mit dem Fahrstuhl ins Kellergeschoss dunkler Kindheitserfahrung. Hundert Euro hätte er ganz locker auf das eingetretene Ereignis gesetzt. Nur leider hatte ihn keiner davor gefragt. „Die Partien von Sergej Karjakin musste dir ankieken, der spielt stark“, erzählte Holger Borchers dem Plauener Nachwuchsspieler Nils Süß, und begründete gleich, warum das so ist.

In Russland fangen die Kinder mit dem Einfachsten an: mit dem Endspiel, jene nüchterne Phase einer Schachpartie, in der sich Strategie und Taktik magisch auflösen, bis nur noch das Technische den Takt angibt. Vor vielen Jahren hatte Holger Borchers in Russland einmal ein achtjähriges Kind bei einer langwierigen Partie beobachtet. Damals gab es noch diese Hängepartien mit den Abbruchstellungen. Vor dem Abgabezug schien eine Abwicklung in ein Endspiel mit Springer und Läufer gegen den nackten König möglich. Auf diese Situation sprach er den neben ihm stehenden Leistungssportreferenten des Deutschen Schachbundes an (der ja immerhin eine DWZ von 1800 hatte), der nun glaubte, dass das junge Mädchen gewiss ihren Trainer fragen würde, wie man denn am nächsten Tag mit Springer und Läufer den gegnerischen König mattsetzten könnte. Entrüstet über solch ein unterernährtes Denken, begann Holger Borchers aufzuklären und zu beschreiben, was sich am nächsten Morgen stattdessen abspielen werde, dass das junge Mädchen viel zu viel Angst haben würde, überhaupt in Erwägung zu ziehen, ihren Trainer zu befragen, wie das Matt mit Springer und Läufer funktioniere, ganz im Gegenteil, genau das überflüssig sei, weil das junge Mädchen dieses Endspiel vortragen werde wie ein auswendig gelerntes Gedicht. Etwas anderes wäre völlig undenkbar. Und am nächsten Morgen kam dann tatsächlich jenes vorhergesagte Endspiel aufs Brett. Nach kurzer Zeit war die Partie beendet. Ohne auch nur einen einzigen Augenblick währenddessen überlegt zu haben, setzte die dressierte Tak-Maschina ihren Gegner nach wenigen Zügen mit Springer und Läufer matt - im technischen Rhythmus der Endspielerziehung: tak, tak, tak. Dieses Erlebnis hatte der deutsche Leistungssportreferent überhaupt nicht begreifen können, was naturgemäß kaum verwunderlich war, denn in Deutschland fangen die Kinder mit der kompliziertesten Eröffnung an, werden wie gestopfte Enten behandelt, bekommen die Tscheljabinsker Variante bis zum 20. Zug eingetrichtert und werden mit Taktikaufgaben übersättigt, bei denen dreißig Figuren beteiligt sind, aber nur fünf für die Kombination eine Rolle spielen.

Die Vizeweltmeisterin der U12, FM Filiz Osmanodja, verlässt den Sveschnikov-Gedichtband im 18. Zug.

Was nützt das, wenn die Kinder die Eröffnungen auswendig lernen, aber ein Turmendspiel mit zwei Mehrbauern noch verlieren. Turm gegen Turm und Läufer, dit konnte Ilja Brener schon mit zehn, erinnerte sich Holger Borchers an einen seiner talentiertesten Schützlinge. Dafür war Ilja Brener schlecht in Eröffnungen. Da fehlte manchmal schon im zehnten Zug eine Leichtfigur, wie in der Partie gegen einen Internationalen Meister, der sich wunderte, warum ihm Ilja Brener plötzlich eine Figur nach der anderen zum Tausch anbot. Der Internationale Meister nahm diese Angebote völlig ahnungslos an, bis schließlich nur noch Turm gegen Turm und Läufer auf dem Brett standen, und das konnte Ilja Brener wieder auswendig, das wusste aber nicht der Internationale Meister. Der hat dann natürlich janz dumm aus der Wäsche jekiekt, weil der ditte dem Kleen’ nich’ zujetraut hätte, wa. Bei Florian Kugler war die Sache ganz anders, weil der wiederum in der Eröffnung schon gut stand. Und im Endspiel hat ihn IM Zbigniew Ksieski (DWZ 2267, SV Gryps) einfach erdrückt, weil der auf so etwas natürlich wartet. Das macht der immer so. Das habe Holger Borchers schon ganz oft bei ihm gesehen. Der Ksieski, das ist ein Endspielfuchs. Die meisten denken ja, je mehr Figuren abgetauscht sind, umso näher kommen sie dem Unentschieden. Dabei ist in Wirklichkeit genau das Gegenteil der Fall: Je mehr Figuren abgetauscht sind, umso größer wird der Unterschied, umso mehr entfernen sich die meisten vom Unentschieden, weil ihnen die Endspieltechnik alles andere als vertraut ist. Normalerweise hätte Kugler im Endspiel vom Brett aufstehen müssen, um den Platz für Borchers freizumachen. So wie in anderen Sportarten. Schild hoch: dreizehn raus, acht rin. Und Borchers hätte dit Endspiel natürlich janz leicht Remis jehalten, so Borchers abschließend über sich selbst. Jedes Schachtalent in Russland bekommt zuerst das Endspiel zu sehen. Zuerst muss man mit dem Ziel des Spiels anfangen, dem Mattsetzen des Königs, bevor man sich davon allmählich entfernt, ohne diese Absicht je aus den Augen zu verlieren. In Russland wird jedes Schachtalent gefunden, egal ob am Polarkreis, in Aserbaidschan auf dem Erdölfeld oder im Kaukasus neben der Baumwollpflanze.

Bei Florian Kugler (1987, SV Preußen Frankfurt/Oder) war es das Endspiel Turm gegen Turm und Läufer, das nicht zum Remis gereicht hat. Bei Stephan Völz (1957, Muldental Wilkau-Haßlau) blieb nach einem ausgeglichenen Turmendspiel gegen den polnischen GM Pawel Jaracz (2521, SG Trier) ebenfalls kein halber Punkt übrig. Die Auftaktrunde des XXVI. Äskulaps verlief entscheidungsfreudig im Erwartungsgemäßen. Unentschieden endeten lediglich drei Partien: GM Gerald Hertneck (2486, TV Tegernsee) gegen Bernd Bauer (1914, SK Kriegshaber), Michael Schomann (1645, TSV Kücknitz von 1911) gegen FM Petra Schulz (2030, Muldental Wilkau-Haßlau) und Nils Süß (1549, SK König Plauen) gegen Sebastian Kaiser (1887, SC 1911 Großröhrsdorf). Bernd Bauer erkämpfte das überraschende Remis im Damenendspiel, während sich Nils Süß den halben Punkt nach dreimaliger Stellungswiederholung abholte. Manche Überraschung stellte sich aber erst nach einer Partie heraus, obwohl sich die aufmerksamen Zuschauer schon währenddessen kolossal wunderten, warum nämlich Christof Beyer (2101, SK König Plauen) nach 13 Zügen nicht die Dame gewinnen wollte und so in den Verdacht allergrößter Romantik geriet, weil eine bessere Alternative zur Springergabel, die die schwarze Dame auf dem Feld f7 sofort leicht erobert hätte, beim besten Willen nicht zu erkennen war. Er erinnerte sich daran, die Dame zunächst tatsächlich verschmäht zu haben, aber erst in einer Situation fünf Züge später, im 18. Zug, als ihm eine Fesslung der Dame mit dem Turm nicht ganz so stark erschien wie deren Fesslung mit dem Läufer nur weitere drei Züge später, dann schon ganz am Ende der Partie. Für Christof Beyer blieb die Springergabel verborgen, die für die Zuschauer ganz offensichtlich war, und doch hatte er sie nicht übersehen, denn seine Gegnerin Ina Gottschall (1462, USV TU Dresden) hatte die Zuschauer im Mittelspiel mit einer ganz rustikalen Art der optischen Täuschung verzaubert. Die Dame stand nämlich nur für die Außenstehenden in der Springergabel, und zwar nur für jenen Augenblick, für den Christof Beyer arglos das Brett verlassen hatte. Als er ans Brett zurückkehrte, schien alles in bester Ordnung zu sein, die schwarze Dame hatte ganz unverdächtig außerhalb der Reichweite des Springers ein unbedrohtes Feld gefunden. Dass sie erst nach dem lauten Hinweis eines entrückten Zuschauers zwischendurch nonchalant das Plätzchen von f7 nach e7 gewechselt hatte, wurde nach langer Belichtungszeit offenkundig. Steffen Ranft (2120, SV Motor Hainichen 1949) erinnerte sich an eine eigene Situation, in der er einmal einzügig gegen FM Sebastian Eichner (2294, USV TU Dresden) eine Qualität eingestellt hatte und die Partie daraufhin sofort aufgab. Dem wieder ans Brett zurückgekehrten und zugleich erstaunten Sebastian Eichner erklärte er das soeben erst geschehene Missgeschick. „Du hättest doch einfach einen anderen Zug machen können, ich war doch nicht am Brett“, schlug Eichner natürlich nicht ganz ernsthaft vor. Es sei denn, er hätte das Angebot noch mit einer kleinen Gottschall’schen Geschmacksnote garnieren können, beispielsweise: „Ich musste bei mir übrigens erst vor zwei Zügen ein Grundreihenmatt korrigieren.“ Was Ina Gottschall selbst betraf, sie irrte sich nicht nur in der Partie, sondern sie befand sich auch im falschen Turnier. Null Punkte nach sieben Partien. Man bekommt im Leben nie alles, aber man bekommt alles zurück. Zwar gibt es beim Schach viel Theater, aber es muss völlig ohne Probe auskommen, wenn auch nicht ohne Vorbereitung. Dann entsteht so etwas, was gern als Überraschung bezeichnet wird.

Als Günter Sobeck (2080, USG Chemnitz) überraschend am zweiten Turniertag gegen Sergej Ovsejevitsch (2528, SK Gau-Algesheim), den dreimaligen Turniergewinner der letzten Jahre, nicht antrat, erwachten dunkle Erinnerungen aus dem Vorjahr. Auch da musste er in der zweiten Runde gegen den ukrainischen Großmeister spielen. Zu diesem Zeitpunkt mochte noch die Freude überwogen haben, den Turnierfavoriten herausfordern zu dürfen. Doch seitdem hatte sich nur noch Ärger bei ihm breit gemacht. Die damalige Partie zog sich im Endspiel noch sehr lange hin. Unverständlich lange, wie Sobeck heute noch empfindet. Mit König und Läufer verteidigte er sich zornig gegen König, Springer und Randbauer, denn Ovsejevitsch wollte selbst in theoretischer Remisstellung den halben Punkt nicht sofort hergeben und lavierte stattdessen unablässig mit seinem Springer hin und her und auch wieder her und hin, bis er Sobecks Geduldsgrenze übertrat, indem er eine heimtückische Aufmerksamkeitsschwäche bei ihm provozierte, die es erlaubte, mit einer plumpen Springergabel, der einzigen Gewinnmöglichkeit überhaupt, den Läufer zu erobern und damit die Partie noch zu gewinnen. Schon die Erinnerung daran, dass der Großmeister mit einem Randbauern noch Gewinnversuche unternommen hatte, lässt ihn heute noch den Kopf schütteln und dabei die Augen verdrehen, zwischendurch immer wieder Begleitmusik im Chemnitzer Dialekt. Da konnte er sich beim besten Willen nicht noch einmal gegen ihn ans Brett setzen.

Der Tino ist kein guter Blitzer. In der Zeitnot winkt er immer aufgeregt den Zuschauern zu. (Cliff Wichmann)

FIDE-Meister Cliff Wichmann (2293, ESV Nickelhütte Aue) kennt solche Situationen zur Genüge. Auf seinem Kletterweg hinauf zum Internationalen Meister haben ihm unzählige Leute Remis geboten, und er fühlt sich heute noch genervt von all diesen lästigen Remisanbiederungen. Er wisse doch selbstverständlich, wie man beim Schiedsrichter dreimalige Stellungswiederholung beantragt, da sei es doch völlig überflüssig, ihm vorher Remis zu bieten. In gleichwertigen Stellungen probiere er immer erst zwei, drei Varianten aus und bietet dann dem schwächeren Gegner selbst den halben Punkt an. Er möchte einfach spielen, weil er ja so gern Schach spiele, ihm das Schachspielen einen solchen Spaß mache, dass es zu schade wäre, unnötig eine Schachpartie vorher zu verschenken, ohne dass man das Reizvolle auch ausgereizt hätte. Gegen Tino Proschmann (1992, SC 1911 Großröhrsdorf) habe er beispielsweise noch nie verloren, obwohl er schon so oft gegen ihn ganz miserabel stand. Aber je besser der Tino gegen ihn stehe, umso aufgeregter werde dieser auch, bis er sich meistens bei nur noch knapper Bedenkzeit selbst umbringt. Denn der Tino ist kein guter Blitzer. In der Zeitnot flattert er ja immer mit seinen Händchen und winkt aufgeregt den Zuschauern zu. Und dieses Mal hatte Tino Proschmann mit Schwarz im Endspiel eine Qualität mehr, aber die Zeitreserve nach dem 40. Zug war schon wieder bedrohlich bis auf zwei Minuten aufgebraucht, während Cliff Wichmann wie gewohnt noch über ein sehr stattliches Zeitpolster verfügte. Einem seiner schell ausgeführten Antwortzüge ließ er aber ein überraschendes Remisangebot folgen und stellte Tino Proschmann vor die Entscheidung, entweder wenigstens den halben Punkt mitzunehmen oder alle Brücken hinter sich abzureißen. Einen guten Lauf brachte Proschmann ja schon aus der Vorrunde mit, als er IM Drazen Muse (2337, SK König Tegel 1949) im Springerendspiel nach 60 Zügen überspielte. Nun bekam er am selben Tag die Chance, obendrein auch noch Cliff Wichmann, der sich erst im Februar bei der Deutschen Meisterschaft in Saarbrücken die dritte Titelnorm zum Internationalen Meister erspielt hatte, zu besiegen. Er brauchte nicht lange zu überlegen, sein Entschluss stand längst fest, er wollte weiterspielen, nicht nur zwei oder drei Varianten testen, nein, er fühlte, dass er dem Sieg dieses Mal etwas näher war als sonst. Wichmann fand zunächst nicht die besten Verteidigungszüge und musste sogar eine weitere Qualität abgeben, aber den Freibauern auf der h-Linie, den letzten Wichmann’schen Trumpf, bekämpfte Proschmann zu unentschlossen, opferte seinen Mehrturm ein entscheidendes Tempo zu früh zurück, so dass am Ende nur noch zwei gegenüber stehende Randbauern übrig blieben. „Na, die Bähr’sche Regel, die kann ich natürlich“, so Cliff Wichmann nach der Partie. Gerade mit Übergangs- und Gegenfeldern kenne er sich genau aus. Und wieder hatte er eine schlechte Stellung gegen Tino Proschmann nicht verloren, der den Zuschauern gewinkt hat, bis er schweißgebadet und völlig außer Atem, bei nur noch einer halben Minute Restbedenkzeit letztlich doch froh sein konnte, wenigstens das Unentschieden erreicht zu haben, und also doch nicht wieder wegen opulenter Zeitverschwendung bestraft wurde. In der nächsten Runde erkämpfte er sich von FM Sebastian Eichner einen weiteren halben Zähler. Und wäre der Schlussteil des Turniers für ihn ähnlich erfolgreich verlaufen, hätte dieses Mal mehr drin sein können als nur der 20. Platz.

Erwartet man denn von einem Kanarienvogel, dass er für die Katze Verständnis hat? (Charles Bukowski)

„Das ist mir unheimlich, heute habe ich zwei gute Züge hintereinander gefunden“, erklärte Steffen Ranft nach der Partie. Nach dem ersten Zug, einem Sperrzug, der verhindert, dass er zweizügig ins Matt läuft, dachte er nur, dabei mit den Händen abwägend, zumindest wieder zurück im Spiel zu sein. Dass er aber nach dem folgenden Zug selbst ein unwiderstehliches Mattnetz gesponnen hatte, ging ihm erst nach und nach auf, als IM Drazen Muse begann, erkennbare Selbstzweifel mit Kopfschütteln zu verarbeiten. Einen Zug machte Muse noch, einen letzten verzweifelten, bevor er die Partie schließlich aufgab und zusammen mit einer Schachtel Lucky Strike den Weg an die frische Luft suchte, um das Gemüt wieder auf Eichtemperatur zu bringen.

Übergangsfeld höchster Spannung

Beeindruckend kreativ zauberte Daniel Siedentopf (2170, SG Grün-Weiß Dresden). Seine Partien gegen die beiden FIDE-Meister Sebastian Eichner und Thomas Schunk (2184, SC Leipzig-Gohlis) gehörten zu den spannendsten des gesamten Turniers. Zusammen mit Sebastian Eichner zündete er in der ersten Zeitnotphase ein großartiges taktisches Feuerwerk, das sich bis zur zweiten Zeitnotphase hinzog. Siedentopf agierte anfänglich noch aus der Verteidigungsposition heraus, bevor er nach einem Qualitätsopfer mit Schachgebot in die gegnerische Königsstellung eindrang und auch danach große Übersicht demonstrierte. Zwischenzeitlich lag ein kurioses Abzugsschach mit dem e-Bauern in der Luft: Die weiße Dame auf a1 hatte ein gieriges Auge auf das Feld h8 geworfen, und um ein Haar wäre am anderen Ende dieser Diagonalen die schwarze Lady für einen Moment ungeschützt geblieben. Erst außerhalb seiner Vorausberechnung entdeckte Eichner diese Pointe. Diesem plötzlich entstandenen Freibauern auf der e-Linie konnte Siedentopf zur Umwandlung verhelfen, um danach mit zweiter Dame ein paar Züge später dem gegnerischen König am Brettrand alle Fluchtwege abzuschneiden. In der letzten Runde zeigte er wiederum mit Weiß Angriffsschach vom Allerfeinsten und brachte FM Thomas Schunk an den Rand einer Niederlage. Es gelang ihm zwischenzeitlich, alle drei Schwerfiguren auf der siebenten Reihe zu platzieren, nur einen forcierten Gewinnplan konnte er nicht entdecken. Stattdessen stieß er auf Schunks hartnäckige Verteidigung. Die Schwerfiguren tauschten sich beinahe wundersam nach und nach alle ab. Und im Endspiel mit gleichfarbigen Läufern war er plötzlich sogar vom halben Punkt weit entfernt, als nämlich ein Bauernhebel nach knapp einhundert Zügen die Partie noch auf den Kopf stellte. Sonst wäre Siedentopfs Turnierleistung ganz sicher mit dem zehnten Platz belohnt worden.

Da ist mir mein Gegner in was reingerannt. (Frank Schönfeld)

Seit dem letzten Äskulap hatte er die Schachfiguren nicht mehr in der Hand gehabt. Nicht mal eine einzige Blitzpartie hatte er seitdem gespielt. Der Wittenberger, Frank Schönfeld (2036, vereinslos), wird von einer Leichtigkeit getragen, in die er sich nur noch während des Äskulaps fallen lässt. Dieses Mal bereitete es ihm großes Vergnügen, seine Leichtfiguren auf den Eckfeldern der eigenen Grundreihe zu positionieren, wie in der Partie gegen Stephan Völz, als er den einen Läufer auf a1 stellte und im Endspiel drohte, den anderen nach h1 zu ziehen - oder wie in der Partie gegen FM Sebastian Eichner, als er bewies, dass auch ein Springer auf a8 vermag, temporär wichtige Verteidigungsaufgaben zu übernehmen. Sein Positionsverhalten lebte von der intuitiven Improvisation: ein bisschen Tomatenketchup, ein bisschen Worcestersauce und ein bisschen Salz in die Suppe und in die Wunde der Gegner, die ihn vielleicht nicht unterschätzen wollten, aber immer wieder in Versuchung gerieten, dessen fehlende Spielpraxis auszunutzen.

Die Brücke von Remagen wurde nur nicht gesprengt, weil eine Bombe vorher das Zündkabel getroffen hat. (Gerald Hertneck)

Großmeister Gerald Hertneck erfüllte sich mit seiner Teilnahme am Äskulap-Turnier einen kleinen Wunsch. Einmal in der östlichsten Stadt Deutschlands Schach spielen, das wollte er, und die ihm als wunderschön beschriebene Architektur der Görlitzer Altstadt kennen lernen, die vom Krieg nahezu unbeschadet blieb, wenn auch aus einem ganz anderen Grund als die Brücke von Remagen, zu der ihm eine klitzekleine Anekdote einfiel. Wenn er in seinem Geist gleich die nächste Brücke schlägt, seinen baldigen Wechsel vom TV Tegernsee zur Münchner Schachakademie Zugzwang 82 beschreibt, und also heuer an München vor seiner Zeit denkt, war die Situation der Stadt dort eine ganz andere. An die Stelle des Glücks der Unversehrtheit trat in diesem Fall das Unglück der Auslöschung. Das einst zerstörte München wäre womöglich an anderer Stelle, am Starnberger See, wieder aufgebaut worden, hätte man dafür nicht eine gut erhaltene Kanalisation zurücklassen müssen.

Zu einer Platzierung ganz vorn hat es für den Münchner zwar nicht gereicht, aber er gehörte immerhin zum Sextett, das am Ende mit 5½ Punkten gleichauf lag. Die ersten vier Platzierten trennte nur ein einziger Buchholzpunkt, und für den Turniersieg musste sogar die dritte Wertung hinzugezogen werden. Dass sich der Turnierausgang zwischen den beiden Führenden, IM Zbigniew Ksieski und GM Pawel Jaracz, zu einem Buchholzpatt entwickelte, lag an der letzten noch laufenden Turnierpartie zwischen FM Volker Seifert (2308, USV TU Dresden) und Michael Cremers (2052, Queer-Springer SSV Berlin), dem Gegner Zbigniew Ksieskis in der zweiten Runde.

Das Drama der letzten Äskulappartie führt zum Buchholzpatt.

Michael Cremers hatte mit Schwarz im Mittelspiel zwei Bauern erobert und diesen materiellen Vorteil im Endspiel in einen Springer für einen Bauern verwandelt. Beide Spieler verfügten außerdem noch über einen Turm und vereinzelte Bauern. Viele Figuren befanden sich also nicht mehr auf dem Brett, der Sieg schien zum Greifen nahe, die Materialverwertung nur eine Frage der Endspieltechnik, zumal sich FM Volker Seifert auch nach dem 40. Zug bald wieder in Zeitnot befand, wäre da nicht noch ein zweiter Gegner aufgewacht, der viel gefährlichere in Cremers selbst, der ihn zu einem folgenschweren Fehler verleitete, das Werk seiner Eröffnung und seines Mittelspiels einzügig zerstörte, als Cremers also auf einmal unbedrängt mit dem König die Deckung des Springers verließ, so dass ihn der seifertsche Turm im nächsten Zug nur zu schlagen brauchte. Im danach entstandenen Turmendspiel mit Minusbauern war Cremers so schockiert, dass er sich schon allein zu physischer Gegenwehr nicht mehr in der Lage fühlte. Für IM Zbigniew Ksieski löste sich gleichzeitig der Buchholzvorsprung auf. Sollte es nach all den Jahren zwischen tragischen Niederlagen und knappem Scheitern am Ende wieder nicht für ihn gereicht haben? Die dritte Wertung musste nun den Ausschlag geben – und hier stand Ksieski das notwendige Quäntchen Glück endlich zur Seite. Hauchdünn sicherte er sich den Turniersieg vor GM Pawel Jaracz. Wie wäre das Turnier wohl für ihn verlaufen, hätte Florian Kugler in der ersten Runde das Endspiel Turm gegen Turm und Läufer wie Tak-Maschina behandelt? Für GM Robert Rabiega (2508, SK König Tegel 1949) reichte es bei seinem zweiten Anlauf für eine Ergebnisverbesserung auf Platz drei. Am Ziel ist er aber noch lange nicht angekommen: „Beim nächsten Mal kommt die Axt raus, ihr könnt mich auch zitieren.“

Gambetti ist mein Schüler, umgekehrt bin ich selbst Schüler Gambettis. Ich lerne von Gambetti wenigstens ebenso viel, wie Gambetti von mir. Unser Verhältnis ist das ideale, denn einmal bin ich der Lehrer Gambettis und er ist mein Schüler, dann wieder ist Gambetti mein Lehrer und ich bin sein Schüler, und sehr oft ist es der Fall, dass wir beide nicht wissen, ist jetzt Gambetti der Schüler und ich bin der Lehrer oder umgekehrt. Dann ist unser Idealzustand eingetreten. (Thomas Bernhard, Auslöschung)

In der Turnierstadt Görlitz bleibt das Äskulap zunehmend unbeachtet. Irgendwie ist es wie bei Loriot: Essen dient der Ernährung, man spricht nicht darüber. Und die lokale Presse schreibt nicht darüber. Leider naturgemäß. Auch der Oberbürgermeister dieser Stadt möchte so gern zur Sache kommen und ist doch so weit von ihr entfernt. Von Anspruch und Ansprache. Eine Erfahrung, die süß und wirr zugleich, übernatürlich und doch tiefernst ist. Die Serengeti darf nicht sterben.

XXVI. Äskulap-Turnier in Görlitz (A-Gruppe, 80 Teilnehmer)

Rang Teilnehmer TWZ Verein Punkte Buchholz
1. Ksieski, Zbigniew (IM) 2391 SV Gryps 5.5 33.0
2. Jaracz, Pawel (GM) 2538 SG Trier 5.5 33.0
3. Rabiega, Robert (GM) 2554 SK König Tegel 1949 5.5 32.0
4. Ovsejevitsch, Sergej (GM) 2580 SK Gau-Algesheim 5.5 32.0
5. Bogdanovich, Grigorij (IM) 2367 SF Bad Mergentheim 5.5 30.0
6. Hertneck, Gerald (GM) 2514 TV Tegernsee 5.5 29.0
7. Dambrauskas, Virginijus (IM) 2302 Litauen, VŠBK NSEL30 5.0 33.0
8. Seifert, Volker (FM) 2360 USV TU Dresden 5.0 31.0
9. Schunk, Thomas (FM) 2240 SC Leipzig-Gohlis 5.0 30.5
10. Hoffmann, Paul (FM) 2340 USV TU Dresden 5.0 30.0
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30. Beyer, Christof 2101 SK König Plauen 4.0 24.0
66. Nils Süß 1549 SK König Plauen 2.5 18.5

Christof Beyer

© 2001-2010 Anett Sänger *** Schachverein Görlitz 1990 e. V.
letzte Aktualisierung am 22. September 2010