Kolumne: Halbwissen und Bluff...

Halbwissen und Bluff
oder versuchen, scheitern, besser scheitern

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"Ahhh, Schach ist nicht meine Sportart." (Großmeister Robert Rabiega)
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Schauspieler Gert Voss musste viel Geduld aufbringen, ehe er bei Theaterregisseur Claus Peymann in einer Inszenierung eines Thomas-Bernhard-Stücks mitwirken durfte, sehr lange wartete er, um endlich in den Kreis der Auserwählten aufgenommen zu werden, und als die Zeit endlich für ihn reif wurde, war es nur der ausgestopfte Papagei Friedrich, der Immanuel Kant (in der gleichnamigen Komödie) auf dessen Schiffsreise begleitete, und dem Voss also seine Stimme leihen sollte, ausgerechnet auch noch hinter der Bühne, hinter einer Wand, abgeschirmt von allen anderen Schauspielern, die ohnehin schon im Rampenlicht standen, was für eine Demütigung seines schauspielerischen Talents.

Die Laune hellte sich erst auf, als Gert Voss im Textbuch plötzlich die entscheidende Stelle las: Papagei schläft. Eilig blätterte er Seite für Seite um, auf der Suche, wie lange wohl so ein Schlaf eines ausgestopften Papageis dauert. Immerhin, zwanzig Seiten würde er schlafen, das bedeutete, am nächsten Probentag bräuchte Voss nicht zu erscheinen, da ja der Papagei schläft, währenddessen Peymann mit den anderen Schauspielern zu probieren hatte, so dachte es sich jedenfalls Voss. Peymann indes tobte, als Voss am nächsten Tag nicht zur Probe erschien, und so ließ er ihn ins Theater rufen. Den logischen Widerstand des Schauspielers, dass doch der Papagei jetzt schlafen würde, zersetzte der Regisseur mit einem überraschend starken taktischen Schlag: „Das ist richtig, der Papagei schläft, aber es ist ja möglich, dass der Papagei im Schlaf spricht.“ Gerd Voss blieb also nichts anderes übrig, als wieder geduldig hinter die Wand zu trotten und die Ideallinie einzuhalten, in Gedanken im Selbstgespräch. Dafür lauerte hinterher umso gewaltiger unerwarteter Lohn, denn Voss wäre für diese Rolle beinahe Schauspieler des Jahres geworden, obwohl Papagei Friedrich im Schlaf – ganz textbuchtreu – doch nichts zu sagen hatte. Der Applaus wollte damals gar nicht mehr aufhören, die Papageiengeräusche, als der Papagei nicht schlief, hatten es dermaßen dem Publikum angetan, dem Voss sich endlich zeigen durfte, wenn auch erst nach der Aufführung. Drei Dinge haben ihm geholfen, die unendlich scheinenden Entbehrungen davor zu ertragen: die Hoffnung, der Schlaf und das Lachen, und sogar in der richtigen Kant’schen Reihenfolge.

Als Mischa Prox, der Sportvertreter der Stadt Görlitz, seine Eröffnungsrede zum XXVIII. Äskulap-Turnier beendete, bekam er auch unerwartet viel Applaus, aber in seinem Fall für kaum hörbare Geräusche, was beweist, dass man als Redner auch ein großer Leisetreter sein kann und Beifall nicht immer nur den Inhalt würdigt, sondern manchmal auch den rechtzeitigen Abgang. Wenn ein Auditorium gleichzeitig Spielsaal für ein Schachturnier ist, kann man allerdings auch kaum erwarten, dass sich darin Zuhörer im klassischen Sinn versammeln, sondern naturgemäß Schachspieler, die gern noch einmal schnell hinter die Wand gehen, bevor sich der Vorhang für das Wesentliche öffnet, das hier eindeutig mehr mit Performance als mit Vorstellung zu tun hat.

Neben vielen Stammgästen fanden wieder einige Turnierneulinge den Weg nach Görlitz, nicht selten stellen sich langjährige Stammspieler auch gern in den Dienst als Wegbereiter, wie zum Beispiel die beiden Nordlichter Peter Kutschke (DWZ 1959, HSG Uni Rostock) und Sven Helms (1959, SF Schwerin), die Dr. Peter Möller (1996, HSG Uni Rostock) für eine Osterreise nach Görlitz begeistern konnten, weil zum ersten Mal die Landesmeisterschaft in Mecklenburg-Vorpommern nicht gleichzeitig stattfand. Alles das, was Peter Möller einmal begonnen hat, betreibt er mit wissenschaftlicher Passion, ob Sherlock Holmes, Agatha Christie, Harry Potter oder Schach, bei jeder Reise, und sei es nur eine Schiffsrundfahrt, hat er Bücher an Bord, und zwar jede Menge davon, Schachtheorie, die hat er früher sowieso gleich beim Lesen auswendig gelernt, am liebsten würde er das Gleiche noch einmal mit Sherlock Holmes versuchen, aber nur mit den ungekürzten Originalausgaben. Peter Kutschke hat sich übrigens schon immer für das Äskulap entschieden, weil es das stärkere Turnier ist.

Insgesamt sehnten sich dieses Mal 99 Teilnehmer, darunter sechs Großmeister, eine Großmeisterin, sechs Internationale Meister, eine Internationale Meisterin und zwei FIDE-Meister, nach dem Beginn der Eröffnungsrunde, die gleich einige Überraschungen zu bieten hatte. U16-Nachwuchsspielerin Theresa Pohl (1876, USC Viadrina Frankfurt/Oder) gewann beispielsweise gegen den Oberligaspieler Jakob Engelmann (2182, USV Volksbank Halle), das noch um zwei Jahre jüngere Nachwuchstalent Christian Zimmermann (1794, Cöthener FC Germania 03) spielte im Schwerfigurenendspiel Peter Schnitzer (2084, SC Kreuzberg) regelrecht schwindlig, und Christof Beyer (2048, SK König Plauen) schützte all seine Zweitligaerfahrung nicht davor, dem Kreisligaspieler Oliver Sprejz (1602, FSV Boxberg) im schon als gewonnen verbuchten Damen-Läufer-Endspiel plötzlich unachtsam in eine heimtückische Mattfalle gelaufen zu sein. Schacharbeiter Carsten Goes (1589, SF Osterholz-Scharmbeck) kämpfte hartnäckig gegen Benno Pankrath (2006, SV Grün-Weiß Wittenberg-Piesteritz) um das Unentschieden. Bis ins Turmendspiel egalisierte er über 400 Wertzahlpunkte.

Noch größer war der Unterschied in der längsten Partie des Eröffnungsabends: Hier setzte Fred Heintel (1818, ein anderer Wittenberger) mit Schwarz in einem Turmendspiel GM Sergey Kalinitschew (2360, SC Kreuzberg) bis kurz vor dem 80. Zug unter Druck. Lediglich mit großer Mühe und nur noch einer Minute auf der Uhr konnte das Berliner Urgestein gerade noch rechtzeitig ins technische Remis entwischen. Einen dürftigen Start erwischte auch Schnellspieler FM Thomas Schunk (2136, SC Leipzig-Gohlis), der mit Weiß einen halben Punkt an Oliver Fuchs (1821, SC 1994 Oberland) abliefern musste.

Einen Reigen der Kuriositäten durchlebte Schunk aber erst mit den schwarzen Figuren, als er auf einmal zum Meister der Kurzpartien avancierte. Von Nachwuchsspieler Sebastian Bentert (1480, Schachpinguine Berlin) eroberte er in sieben Zügen einen Springer (erinnerte damit ein bisschen an den Vorjahresrekord von Stephan Völz, der seine Gegnerin in acht Zügen mattgesetzt hatte), musste aber in der nächsten Schwarzpartie nach nur 14 Zügen gegen IM Ulf von Herman (2389, SK König Tegel 1949) selbst das Handtuch werfen, nachdem er die tödliche Wirkung eines langen Diagonalzuges der weißen Dame außer Acht ließ. In diesem Licht betrachtet, dauerte seine Auseinandersetzung mit Christian Noack (2010, SV Ebersbach) bis zum 35. Zug vergleichsweise lange. Doch auch in dieser Partie fehlte schon ein Springer, von der doppelten Mattdrohung auf g7 und f8, und also der Zweckentfremdung des besseren Scheiterns (beinahe) ganz zu schweigen.

Einen ganz anderen Rekord stellte Peter Heinrichsen (1679, SC Neuaubing 1946) auf. Der Münchner Künstler und Schriftsteller besitzt eine Antenne für das Außergewöhnliche. Das ist aber schon auf den ersten Blick kein Wunder, denn wer in Hannover geboren wurde, hat zum ersten Mal überlebt. Seitdem zieht sich der Existenzialismus wie ein roter Faden durch Heinrichsens Lebensentwurf. Die Wohnorte hat er schon oft gewechselt, doch ob Berlin, Frankfurt, London, Los Angeles oder gegenwärtig München, eigentlich hat sich immer nur die Kulisse verändert, vor der er immer wieder denselben Überlebensversuch gewagt hat, das Unmögliche probiert hat, nämlich zu existieren, möglichst lange zu überleben, wie in einer Schachpartie, das ist sein existenzialistischer Antrieb, dabei hat er das Schachspiel, wie er bedauert, leider erst sehr spät erlernt, lernte dafür aber jemanden kennen, der es ihm richtig beigebracht hat, als ihm nämlich eines Tages zufällig der Internationale Meister Hans-Ulrich Grünberg, der sich in München auf Wohnungssuche befand, regelrecht zugelaufen ist. Ungefähr 15 Jahre sind seitdem vergangen. Peter Heinrichsen nahm ihn damals mit unter sein Dach und stellte ihm eigentlich nur eine einzige Bedingung: er möge ihm das Schachspielen beibringen und ihn darin trainieren. Grünberg willigte in diesen schrägen Pakt schnell ein, denn er war ja ohnehin am liebsten subversiv und fühlte sich erst so richtig wohl, wenn er im Wohnzimmer ein offenes Feuer anzünden konnte, so Peter Heinrichsen, der gern vielstündig erzählt, so dass sich daraus mühelos ein bunter Lebensplot abbilden ließe, aber wenn es um Schach geht, spielt er auch mit ebensolcher Ausdauer den Zuhörer und lässt sich in die Rolle bedingungslos fallen. Das war schon bei Hans-Ulrich Grünberg so, und ist auch der Fall, wenn er seinen Freund Gerald Hertneck (2554, MSA Zugzwang 82) trifft, der ihn dieses Mal mit dem Zug nach Görlitz mitnahm und ihm diese Stadt zum ersten Mal zeigte. Hertneck war zwei Jahre zuvor bei seinem ersten Besuch auch gleich beeindruckt, aber Heinrichsen hatte es total erwischt, als er die Altstadt sah. Beim Anblick dieser alten Gebäude ging ihm das Herz auf. Ob es ihm auch bei Bauhaus so gehen würde, war eine reichlich gewagte Frage am Abschlussabend, die seiner Empfindung subversiv begegnete, denn wem Görlitz eine Liebe auf den ersten Blick ist, der kann mit Bauhaus naturgemäß nichts anfangen und wird selbst mit der Lupe in der Hand daran nichts Ästhetisches entdecken können. Die Görlitzer Altstadt bildete dagegen für Peter Heinrichsen die ideale Kulisse, um nachdenklich zu werden, das Existieren auf dem Schachbrett einerseits möglichst lange zu probieren, jede Partie als etwas Unwiederbringliches zu begreifen, davon getrieben, brachte er es nach allen sieben Partien auf insgesamt 394 gespielte Züge, und darunter gab es kein einziges Großmeisterremis zu entdecken, wie Gerald Hertneck anerkennend feststellte, und andererseits temporeich die Züge des Gegners zu returnieren, als gelte es, keine wertvolle Zeit zu vergeuden, immer in gespannter Erwartung zu bleiben, was wohl der nächste Zug bringen möge. Damit führte er Christian Noack und Sebastian Kaiser (1930, SC 1911 Großröhrsdorf) bis an den Rand der Existenz, Jürgen Pohlers (1852, BSV Weißblau Allianz Leipzig) brachte er sogar noch einen Schritt weiter. Die Lebenskerze am besten von beiden Seiten anzünden, das versucht er eben auch mit den Bauern auf dem Schachbrett.

Die schönste Äskulappartie entstand in der sechsten Runde zwischen Ramesh Sivakumaran (1845, SV Empor Berlin) und Michael Ramin (1849, SV Dicker Turm Esslingen). Der Berliner U18-Nachwuchsspieler entschied sich bei immer knapper werdender Bedenkzeit zu einem fetten Turmopfer. Ob es nachher mit Dame, Läufer und Springer im Zusammenspiel gelingen würde, ein Matt zu basteln, konnte er kaum überblicken, dafür war es ein intuitives Opfer im Geiste Michail Tals: also erst opfern und dann nachdenken. Es gelang Sivakumaran, alle Klippen zu umschiffen. Zunächst beseitigte er die beiden Bauern, die noch schützend vor dem schwarzen König standen, als Vorbereitung auf die unerbittliche Treibjagd in der Brettmitte. Kurz vor dem Kontrollzug baute er eine geschickte Zugwiederholung ein, um sich schließlich die Zeit nehmen zu können, die man benötigt, um die Schönheit, die in dieser Schachpartie steckte, zu entdecken und vor allem auch für seinen Gegner sichtbar zu machen, den er nun in der Schlussphase des Mattangriffs zu einem Schachgebot mit der Dame nötigte, um ihn nach bilderbuchhaftem Gegenschach mit dem Springer, der dafür extra vom Zentrum aus elegant zurückkehrte, noch einmal für einen Augenblick der Erkenntnisreife am Tisch ganz allein zu lassen. Digitale Uhren garantieren dabei totale Ruhe.

Aron Moritz zählt derzeit zu den hoffnungsvollsten Berliner Talenten (2103, SV Empor Berlin). Als Nachwuchsspieler in der U16 gehört er seit diesem Jahr auch zum DC-Kader des Deutschen Schachbundes. Mit welcher erstaunlichen Übersicht und Spielstärke er seine Partien anlegt, stellte er in der ersten Turnierhälfte gleich gegen mehrere Titelträger unter Beweis. Gegen IM Anatoly Donchenko (2338, SK 1858 Gießen) und GM Michail Ivanov (2396, SF Bad Mergentheim) holte er mit Weiß in den Runden zwei und vier jeweils ein Unentschieden und in der Runde dazwischen forderte er überzeugend mit Schwarz vom erfahrenen IM Josef Pribyl (2272, Schachhaus Ludwigshafen) sogar den ganzen Punkt. Ein gedeckter Freibauer, ein Turm auf der zweiten Reihe, eine einbrechende Dame und ein bereits eingedrungener Springer auf dem Königsflügel – selbst für den tschechischen Teddybären zu viel Druck auf einmal. Eine Springergabel war das entscheidende taktische Motiv im Endspiel zwischen Frank Schönfeld (1995, spielt nun für VfL Gräfenhainichen) und Frank Wiesner (2000, Karlsruher SF 1853). GM Gerald Hertneck verpasste in der 3. Runde dagegen einen gemeinschaftlichen Auftritt seiner beiden Springer. Mitten in der wilden Eröffnungsphase gegen Steffen Michel (2108, VfL Gräfenhainichen) übersah er eine Springergabel mit Ablenkungsmotiv, der zweite Springer hätte anschließend die gegnerische Dame im Zentrum einfach erobern können. „Hör auf, erinner’ mich nicht daran“, waren Hertnecks Worte noch zwei Tage danach, aber er hatte die Partie 30 Züge später wenigstens noch gewonnen, denn nicht selten rächen sich solche ausgelassenen Chancen bitter, wie in der Partie drei Runden danach, an der wiederum Steffen Michel beteiligt war, dieses Mal gegen Lukas Böttger (2181, TuS Coswig 1920). Der Coswiger begann gerade, den Vorteil seines Freibauernpärchens umzusetzen, als Michel seinen Turm für Scheinaktivität und Unübersichtlichkeit opferte. Als Böttger in Zeitnot zwei Züge später nur für einen Augenblick nicht konsequent genug war, gelang es Michel wundersam und wunderschön, mittels Vorrücken des d-Bauern, den versperrten Weg auf den Königsflügel für die Dame zu öffnen, die nach flottem Schwenk plötzlich renitent Matt drohte, und bekanntlich ist dann nichts schwieriger als der geordnete Rückzug aus einer unhaltbaren Position.

Im Endspiel Springer und Läufer gegen König fuhr Gert Byhan (1909, SV Ebersbach) mit Roland Steche (1781, SV Grün-Weiß Wittenberg-Piesteritz) Karussell auf dem gesamten Brett, dabei war ihm die begehrenswerte Modellstellung (Weiß: Kf1; Schwarz: Kf3, Sf2, Lf4) durchaus geläufig, sogar mehrmals konnte er diese Ausgangsposition aufbauen, aber irgendwie reichte seine Überredungskunst nicht, den König von dort in die Ecke zu treiben, die der eigene Läufer kontrollieren kann. Und so folgte die nächste Karussellfahrt, bis sich der verfolgte König, wohl mehr aus Erschöpfung als durch Zwang, auf einmal noch ins Mattnetz drehte. Doch gerade als Gert Byhan den König in der Ecke mattsetzen wollte, wurde er vom langfristigen Gedächtnis des Partieformulars davon abgehalten, denn in diesem letzten Moment hätte er für den Mattzug die 50-Züge-Regel überschreiten müssen, und nur darauf hatte sein Gegner überhaupt noch gehofft. Ob es jedoch wirklich 51 Züge gewesen wären oder nicht doch eher nur deren 50, ist in der nachträglichen Betrachtung jedenfalls nicht mehr so eindeutig wie es in jener brenzlichen Situation den Anschein hatte. Zu einer sorgfältigen Notation gehört aber nicht nur die Leserlichkeit, sondern auch eine präzise Lesung des Notierten, damit nicht am Ende Vehemenz und Lautstärke der aufgestellten Behauptung über den Partieausgang bestimmen. Darüber steht nämlich im FIDE-Regelwerk nichts geschrieben.

Nach dreijähriger Enthaltsamkeit vom Äskulap präsentierte sich Norman Schütze (2214, SG 1871 Löberitz), der sich zwischenzeitlich für eine Saison auf Wanderschaft begeben hatte, um beim Erfurter Schachklub wertvolle Erfahrungen in der 1. Bundesliga zu sammeln, wieder in glänzender Verfassung. Schon in den ersten vier Runden zeigte er, dass es keine gewöhnliche Auszeit war, die er genommen hatte, jedenfalls keine der frommen Denkungsart. Nach zwei Auftaktsiegen folgten zwei Remis gegen GM Michail Ivanov und IM Anatoly Donchenko, bevor er in der 5. Runde mit Weiß auf GM Robert Rabiega (2488, SK König Tegel 1949) traf, der zuvor in zwei holprigen Partien gegen Tino Proschmann (2040, SC 1911 Großröhrsdorf) und FM Mike Stolz (2333, SC Rochade Magdeburg 96) bereits zwei halbe Punkte abgeben musste, und nun mit Schwarz jetzt schon in der Pflicht war, um sich seine Chancen auf den Turniersieg zu bewahren. Die Partie entwickelte sich früh zum Wechselbad der Gefühle und erinnerte an eine Begegnung im Caféhaus. Norman Schütze war die Spanische Verteidigung eigentlich schon nach dem 16. Zug entglitten. Die theoretische Behandlung bezeichnete er zu diesem Zeitpunkt selbst als eine Mischung aus Halbwissen und Bluff, doch nach einer größeren Ungenauigkeit Rabiegas fand er tatsächlich noch einmal in die Partie zurück, gab sie jedoch nur weitere sechs Züge später erneut aus der Hand, aber Rabiega ließ ganz überraschend auch die zweite, noch größere Gelegenheit ungenutzt, und dieses Mal folgenschwer, so dass das Halbwissen eher belohnt zu werden schien als der Bluff bestraft. Ausgetragene Partien im freien Stil, die gerade im Caféhaus keine schlechte Figur machen, ziehen naturgemäß besonders solche Zuschauer an, deren spezielle Rechentiefe sich darauf beschränkt, unmittelbar bevorstehendes Blutvergießen aufzuspüren und sich daran aus der kürzesten Nähe zu laben, bevor sie sich mit der zusätzlichen Gabe selbst in den Vordergrund drängen, um unmittelbar nach dem Gemetzel ihr ausgewähltes Opfer mit derselben Sensibilität noch einmal zu überfallen, dieses Mal mit Fragen, denen man sich beinahe nur mit Notwehr mittels Mord im Raskolnikow’schen Sinn erwehren kann: „Warum haben Sie denn aufgegeben? Es droht doch gar kein Matt.“ Diese Frage erwischte Rabiega noch im selben Atemzug seiner Kapitulation, dem Moment der unmittelbaren Partiebeendigung, nachdem er also Norman Schützes raffinierte Pointe zu spät entdeckt hatte, jenen langen Damenzug mit Schachgebot, von e2 bis hinunter auf die Grundreihe nach e8. „Da habe ich wohl ungerechtfertigt aufgegeben“, antwortete Rabiega – in einer Mischung aus letzter Kraft und Körperbeherrschung – dem aufdringlichen Zaungast, der schon vorher auf dem Schachbrett einen größeren Schatten geworfen hatte, als es Rabiegas gefesselter Läufer auf f7 vermochte. Norman Schützes unberechenbarer Vorwärtsdrang wurde erst in der vorletzten Runde von Rabiegas Mannschaftskollegen IM Ulf von Herman gestoppt. Aber in der Schlussrunde gelang ihm gegen Christian Noack noch ein schneller Partiegewinn, der ihn mit insgesamt fünf Punkten, einer riesigen Buchholzwertung und beeindruckenden Turnierperformance von 2433 bis auf den siebenten Rang klettern ließ, seine bisher beste Äskulapplatzierung überhaupt.

Das Bild an der Spitze glich dem vergangenen Jahr, wiederum gingen fünf Spieler mit jeweils fünf Punkten auf ihrem Konto in die alles entscheidende letzte Runde: darunter auch der Vorjahressieger und viermalige Äskulapgewinner, GM Sergei Ovsejevitsch (2581, SK Gau Algesheim), außerdem die beiden GM Gerald Hertneck und Michail Ivanov sowie die zwei IM vom TSV Schott Mainz, Oleg Krivonosov (2427) und Roland Berzinsh (2423). Letzterer hatte mit Weiß gegen den litauischen IM Virginijus Dambrauskas (2345, VŠBK NSEL30) die etwas leichtere Aufgabe zu lösen, zumindest was den nüchternen Blick auf die reine Papierform betraf, denn für Ovsejevitsch führte der Weg zum fünften Turniererfolg nämlich dagegen nur über ein Großmeisterduell mit Ivanov, während Hertneck auf Krivonosov traf, den er im Vorjahr, ebenfalls mit Weiß, in der letzten Runde bezwingen konnte. Dieses Mal reichte es jedoch nur zur Punkteteilung und zu Platz vier. Ovsejevitsch scheute wieder einmal das letzte Risiko. Fürs schnelle Remis wurde er zwar mit der besten Buchholzwertung der Plätze zwei bis sechs belohnt, der Turniersieg war aber so mühelos nicht zu haben. „Der spielt so langweilig, da würde mir der Spaß am Schach vergehen.“ Damit verriet Robert Rabiega kein allzu intimes Geheimnis. Während die gepflegte Langeweile sich aber immerhin noch mit dem zweiten Platz aufwiegen ließ, war sein eigenes Schach zwar attraktiv für die Zuschauer, wurde aber letztlich nur mit dem 12. Platz und einem Preisgeldkuvert mit zarterem Inhalt gewürdigt: „75 Euro, so hab’ ich auch gespielt, das reicht für den Sprit nach Berlin.“ Schließlich musste er nicht nur über seine eigene Leistung den Kopf schütteln, sondern auch über jene von WIM Maria Schöne (2169, SG Aufbau Elbe Magdeburg): „Die hat doch schlecht gespielt. Warum klatschen denn die Leute. In Berlin hätte es dafür keinen Beifall gegeben, die sind hier viel zu gnädig.“ Lautlosigkeit und Langeweile stehen eben nicht im Rampenlicht, und so kam der Turniersieger tatsächlich auf leisen Sohlen daher. Der Mainzer Roland Berzinsh hatte sich nach seinem Partiegewinn als Einziger mit sechs Punkten fast unbemerkt an die Turnierspitze geschlichen. Vizepräsident Willi Sojka wollte wohl bei der Siegerehrung genau diese letzte Ungewissheit über den Turnierausgang mit einer Überraschung für alle gleichzeitig auflösen: „Es gibt dieses Mal einen neuen Turniersieger.“ Aber Robert Rabiega hatte natürlich nicht vergessen, welchen Platz er am Ende des Äskulapturniers selbst belegen wollte, und wer ihn stattdessen einfach ungefragt besetzt hatte, und das sofort bei der ersten Teilnahme: „Der neue Deutsche.“

Dass die Vernunft sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen kann, wenn der Zorn ihr zur Hand geht, von dieser Erfahrung berichtete Papst Gregor bereits im 6. Jahrhundert. Axt und Motorsäge haben dabei aber nicht viel geholfen, dafür ist Schach die falsche Sportart. „Robert, du könntest auch catchen“, sagte Mike Stolz in einer Mischung aus Feststellung und Empfehlung. „Noch nicht“, entgegnete ihm der Berliner Großmeister umgehend. Aber vielleicht ist das genau der Ausweg für das nächste Mal: Robert Rabiegas natürlichste Pose, die man sich vorstellen kann, alle Gegner einfach beiseiteschieben. Den Zorn kann er sich schon holen, sobald sein Nachname falsch ausgesprochen wird. Nicht R-a-b-j-e-g-a, sondern R-a-b-i-e-g-a – wie man schreibt, ist denn das so schwer. Bedeutend komplizierter ist es doch, bei diesem Osterturnier die Ideallinie zu finden: nicht mit der Axt, nicht mit der Motorsäge. Um zu den Auserwählten zu gehören, braucht man die lange Geduld von Gert Voss. Dann kehrt auch der Applaus zurück zu den vielen, die schon einen Namen haben, nur noch nicht beim Äskulap.

XXVIII. Äskulap-Turnier in Görlitz (A-Gruppe, 99 Teilnehmer)

Rang Teilnehmer TWZ Verein Punkte Buchholz
1. IM Roland Berzinsh 2425 TSV Schott Mainz 6.0 28.5
2. GM Sergei Ovsejevitsch 2586 SK Gau-Algesheim 5.5 30.5
3. GM Pawel Jaracz 2565 SG Trier 5.5 29.5
4. GM Gerald Hertneck 2542 MSA Zugzwang 82 5.5 28.5
5. IM Oleg Krivonosov 2430 TSV Schott Mainz 5.5 27.5
6. GM Michail Ivanov 2428 SF Bad Mergentheim 5.5 26.5
7. Norman Schütze 2201 SG 1871 Löberitz 5.0 28.5
8. IM Ulf von Herman 2395 SK König Tegel 1949 5.0 28.0
9. Michael Strache 2289 SV Sangerhausen 5.0 27.0
10. IM Anatoly Donchenko 2408 SK 1858 Gießen 5.0 26.5
….
33. Christof Beyer 2075 SK König Plauen 4.0 19.0

Christof Beyer

© 2001-2011 Anett Sänger *** Schachverein Görlitz 1990 e. V.
letzte Aktualisierung am 17. November 2011