Kolumne: Der Urschrei der Schüttlerkatze...

Der Urschrei der Schüttlerkatze oder Zaubertrank in Orange
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"Es ist nicht wichtig, welche Farbe die Katze hat, sondern dass sie Mäuse fängt."
(Wladimir Kramnik)
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Magnus Carlsen trank schon gern Orangensaft, als er noch nichts von Turmendspielen verstand. Inzwischen kennt er sich mit Endspielen aus wie kaum ein anderer, und trotzdem trinkt er während jeder Schachpartie immer noch Orangensaft. Mancher behauptet, weil es mit Carlsens Eröffnungstheorie immer noch hapert. Aber dieser Mangel haftet ihm nicht an, sondern er demütigt damit die abgeschlagene Konkurrenz und die Anhänger der russischen Schachschule nur noch mehr, die nicht begreifen können, dass es auch ohne Eröffnungstheorie ausreicht, die Nummer eins in der Schachwelt zu sein, so unerschütterlich ist ihr Glauben an tiefes Eröffnungswissen, und sie lassen sich nicht davon abbringen, es als wichtigstes Element an den Beginn des Universums einer Schachpartie zu stellen, ungläubig lediglich über das Norwegische Paradoxon.

Für zwanzig Euro bekommt man schon einige Flaschen dieses Zaubertranks in Orange, nur versteht man danach immer noch nichts von Turmendspielen. Folgt man jedoch dem Ruf von Holger Borchers, der ein Meister an der Saftpresse ist, wenn es darum geht, selbst trockenen Endspielen die richtige Ölung zu verleihen, dann reichen zwanzig Euro zumindest eine Stunde lang, denn für diesen Obolus bietet sich der passionierte Mentor und ausgezeichnete Trainer des Jahres 2012 an und zeigt Turmendspiele, und wenn es sein muss, auch ganz elementare, beispielsweise mit nur einem Turm auf dem Brett, was notwendig erscheint, wenn er noch einmal von vorn anfangen muss, und also von ganz vorn, wie im Fall von Christof Beyer, der nach 86 Zügen in der am längsten andauernden Partie der Äskulap-Eröffnungsrunde gegen den erst zwölfjährigen Berliner Nachwuchsspieler Alan-Ari Hübner bereits ahnte, den vollen Punkt seiner Unfähigkeit im Umgang mit trivialem Turmendspiel geopfert zu haben, und schließlich folgerichtig von Holger Borchers ein Angebot für ein fundamentales Endspieltraining bekam, und zwar ungefragt.

„Carlsen hatte damals noch eine ELO-Zahl von 2690, als er im Turmendspiel gegen Aronian einen Fehler jemacht hat, den sonst jedet Kind sieht.“ Holger Borchers tauchte sofort von der Oberfläche des eben unterbreiteten Angebots tief in die Erinnerung an das Tal-Memorial im Jahr 2006 ein und hatte jenes Turmendspiel mit nur noch fünf Figuren auf dem Brett wieder lebendig vor Augen, ein Geschehnis, das sich nur noch auf der Brettseite Carlsens abspielte: Levon Aronian hatte seinen weißen König auf e7, den Turm auf d6 und den einzigen Bauern auf e6 positioniert, während Carlsens schwarzer König auf g7 und dessen Turm auf a8 standen. Carlsen verfiel im 73. Zug auf das flüchtige Turmschach auf a7, welches dem weißen König auf das siegreiche Zielfeld e8 verhalf, während der schwarze Königszug auf g6 das Remis leicht gesichert hätte. Rafael Vaganian ist wiederum dafür bekannt, dass er ausgeglichene bis schlechtere Endspiele noch gewinnen kann, bessere sowieso. Raj Tischbierek besaß im Turmendspiel schon zwei Bauern mehr, stand also auf Gewinn, so dass jeder Zuschauer bereits auf den Sieg Tischbiereks gewettet hatte. „Ick war der Einzje, der jewettet hat, dass die Partie remis ausjehen wird, und dit dauerte nicht lange, und die Partie endete janz natürlich remis.“ Das war in der Bundesliga-Saison 1998/99. Gespielt wurden auch hier über siebzig Züge mit viel Engagement, aber eben nicht mit genügend Endspielahnung.

Nach einer Nachspeise im Altstadtrestaurant St. Jonathan, die unverschämt gut war, fiel Peter Heinrichsen ein, dass Gerald Hertneck schon einmal gegen Carlsen Remis gehalten habe. Der Münchner Großmeister kam nicht umhin, das Weißweinglas abzusetzen, sanft, aber bestimmt, begleitet von einem bübischen Lächeln, um die Sache richtigzustellen: „Nein, ich habe nicht Remis gehalten, sondern Carlsen hat Remis gehalten.“ Fast zehn Jahre sind seit dem Open in Schwarzach im Pongau vergangen, aber diese Partie in der vorletzten Runde gehört zu Gerald Hertnecks unvergesslichen. Noch zwei Jahre davor war ihm Magnus Carlsen, der plötzlich mit seinem Vater Henrik bei der Offenen Internationalen Bayrischen Meisterschaft in Bad Wiessee auftauchte, gar nicht aufgefallen, obwohl Carlsen zu diesem Zeitpunkt begann, seine ELO Jahr für Jahr um hundert Punkte zu steigern. Erst im Pongau beschlich Hertneck eine leise Ahnung: „Nach der Partie habe ich gemerkt, dass ich gegen ein großes Talent gespielt habe, ahnte aber nicht, dass die zukünftige Nummer eins vor mir saß.“ Studienartig habe Carlsen damals die drohende Niederlage abgewendet – mit Springer, Läufer und aktivem König (zusätzlich blieb ihm nur noch ein bedeutungsloser Randbauer) fand er ein Dauerschach gegen einen Turm und fünf Bauern. Holger Borchers hätte Tränen in den Augen gehabt, auch weil Carlsen während seines Österreichbesuchs noch über dreihundert ELO-Punkte leichter war als bei dem verkorksten Turmendspiel gegen Aronian. Im Pongau hat es schon berühmte, bedeutende und berüchtigte Debüts gegeben: Magnus Carlsen debütierte spielerisch, Österreichs größter Schriftsteller, Thomas Bernhard, prosaisch (eine frühe Version seines ersten Romans „Frost“ trug nämlich den Titel „Schwarzach St. Veit“) und der frühere thüringische Ministerpräsident, Dieter Althaus, halsbrecherisch. Jeder auf seine Art und Weise und wie er kann.

Mit 115 Teilnehmern war die 29. Auflage des Äskulap-Turniers in Görlitz nicht mehr fern der Kapazitätsgrenze und dem Rekordniveau des Jahres 2002 sehr nahe gekommen, mit dem beachtlichen Zusatz, dass es vor zehn Jahren nur ein Turnier gab, das so großartig besucht wurde, und inzwischen sind es mit dem parallel ausgetragenen Apotheken-Turnier deren zwei. Selten geraten Organisatoren über ein Wohlstandsproblem in Not: permanent steigende Nachfrage, denn die Beliebtheit dieses Osterturniers zieht immer wieder neue Teilnehmer an wie ein Magnet. Die Qualität hielt wiederum Schritt, wie ein Blick auf die Setzliste verriet. Unter den ersten 53 Teilnehmern mit einer Turnierwertzahl über 2000 befanden sich vier Großmeister, acht Internationale Meister und drei FIDE-Meister, genügend Zutaten also für ein spannendes Schachturnier mit ungewissem Ausgang und so mancher Überraschung, zu der übrigens nicht gehörte, dass die Steigerung einer akustisch unverstandenen Eröffnungsrede eine gar nicht erst gehaltene sein kann. Möchte man nämlich dem durchschnittlichen Schachpublikum wirklich gerecht werden, zeugt das am ehesten von einer gelungenen Entsprechung, die Minimalismen pflegt, um den Kern der Sache bloß nicht zu verwässern: nur Schachbrett, Schachfiguren und Schachuhr gehören dazu, während Zuschauer, öffentliches Interesse sowie Null-Karenz oder gar Dresscode besser schön draußen bleiben, am besten im Regen. Anklopfen ist unerwünscht, weil es Unruhe erzeugt, die den Krawall beeinträchtigt, der ausschließlich dem Geschehen auf dem Schachbrett vorbehalten ist. Und genau dort wurde schon in der Eröffnungsrunde einiges geboten, das aufhorchen ließ.

FM Thomas Schunk (DWZ 2156, Schachgemeinschaft Leipzig) beispielsweise hatte gegen Toni Schulz (1799, ESV Lok Raw Cottbus) im Endspiel eine Qualität mehr und sah wie der sichere Sieger aus, aber dann stolperte er kurz vor dem Ziel verhängnisvoll über einen Sperrzug, der seinem Turm auf einmal den direkten Sichtkontakt zum gegnerischen Freibauern abschnitt. Der hurtig eingeschlagene Umweg bewahrte ihn nicht mehr vor der Niederlage. Für Steffen Ranft (2032, Motor Hainichen 1949) war die Partie dagegen schon vor der Zeitkontrolle vorbei. In einem auf Umwegen entstandenen Maróczy-Aufbau erreichte Christian Pössel (1846, ESV Nickelhütte Aue) von Beginn an problemlos Vorteil. Die Übermacht am Damenflügel zahlte sich zuerst mit einem Qualitätsgewinn aus, bevor ein konsequenter Einstieg der Schwerfiguren auf der siebenten Reihe mit unwiderstehlichem Mattangriff folgte. Alles lief so butterweich, dass man in diesem Augenblick zwangsläufig an Jan Gustafsson denken musste, der ja prophezeit hat, dass eine neue Freundin 100 ELO-Punkte kostet. Ein größeres Opfer als Liebesbeweis kann es für einen Schachspieler kaum geben. Präzise musste sich Lukas Böttger (2126, TuS Coswig 1920) zwanzig Züge lang im Endspiel mit einem Bauern weniger gegen den Berliner U12-Nachwuchsspieler Moritz Greßmann (1868, BSV 63 Chemie Weißensee) verteidigen, und als es ihm kurz vor Schluss doch noch gelang, die Initiative an sich zu reißen, erwies sie sich nicht mehr höherwertiger als ein halber Punkt.

Schon in der 2. Runde sorgte eine riesige Überraschung dafür, dass Äskulapdebütant Uwe Kurth (1939, VfL Gräfenhainichen) das Görlitzer Turnier in langer Erinnerung behalten wird. Zum Turnierende gesellte sich noch eine weitere dazu, aber davon konnte er zu diesem Zeitpunkt nichts ahnen. Uwe Kurth profitierte von einem kapitalen Fehler des jungen polnischen IM Michal Luch (2400, Delmenhorster SK), von dem der Zuschauer erwartet hätte, dass er mit einem Läufer mehr auf dem Brett das materielle Übergewicht seiner schwarzen Stellung ganz gelassen und unangestrengt zur Geltung bringen würde. Aber auf schwarzer Seite brodelte es subkutan, den plötzlichen Doppelangriff des weißen Springers hatte Michal Luch nicht kalkuliert. Davon beeindruckt, unternahm er einen Versuch, den angegriffenen Turm auf der gegnerischen Grundlinie in Sicherheit zu bringen. Ein Trugschluss, denn eine mit Zwischenschach eingeleitete zweizügige Kombination entwurzelte die Deckung des schwarzen Turms, der danach temporeich vom Brett stürzte. In der Bewegungsruine paralysierter schwarzer Figuren setzte Uwe Kurth ungestört nach, bis er den schutzlosen König ins Mattnetz getrieben hatte. Dass dieser Doppelangriff ein riesiges Loch aufwies und sich bei genauer Untersuchung ausgerechnet jener weiße Springerzug als schwerer Fehler entpuppte, war aber noch nicht die eigentliche Pointe dieser Stellung im 33. Zug. Die gehört dem Scheinopfer, das hier unentdeckt blieb, ein Zug mit dem gefesselten schwarzen Läufer, der das gesamte Brett in Flammen gesetzt hätte: nicht nur, dass danach auf schwarzer Seite beide Türme und zwei der drei Leichtfiguren gehangen hätten, an keiner dieser Figuren könnte sich Weiß so recht mit gesundem Appetit bedienen, denn auch bei ihm wären plötzlich drei der vier Figuren angegriffen. Hängende Figuren, die sich magisch decken – kraftvoller kann ein Läuferzug kaum sein. Belohnt wurde allerdings etwas, was sich sowohl in der Zeitnotphase einer Schachpartie als auch im richtigen Leben oft als teuflische Waffe erweist – Blendwerk, das die Verbindung zwischen Schein und Haben aufrechterhält.

Dass eine Leichtfigur mehr im Endspiel nicht immer den Sieg garantiert, gehört zu Lukas Böttgers neuem Erfahrungsschatz. Gerade als Jugendtrainer kann man nie genug lernen, da lag es nahe, noch einmal genau hinzuschauen, was U16-Nachwuchsspieler Felix Schmücker (1975, BSG Grün-Weiß Leipzig) ihm hier plötzlich zeigen wollte und verdächtig nach Talent roch. Geschickt hatte er seinen Springer gegen zwei Bauern geopfert und war danach mit dem König in Richtung Brettecke gewandert, um die Angriffsversuche vor seinem aufgesuchten Versteck, das sich nun stolz als hübsche Festung erhob, seelenruhig zu beobachten. Manchmal klopft man verzweifelt an eine Tür, kommt aber nicht hinein. (Ausgerechnet Lukas Böttger musste so etwas passieren. Seit Weihnachten lief es einfach nicht mehr bei ihm, obwohl er so eine großartige Oberliga-Saison hingelegt hatte, in elf Partien nur vier Unentschieden zuließ, einen glorreichen Sieg gegen GM Mathias Womacka feierte und eine Performance erzielte, die beinahe selbst als großmeisterlich bezeichnet werden kann. Nicht umsonst hob seine Wertzahl danach um hundert Punkte ab.) Ein hübscher Sieg gelang Marcel Beinroth (1763, Grün-Weiß Granschütz) gegen Dustin Hoffmann (1640, SV Merseburg), auch wenn sich die Beobachter jenen Sperrzug mit dem Turm als krönendes Partiefinale erhofften. Nur zehn Züge dauerte die Miniatur zwischen GM Gerald Hertneck (2501, MSA Zugzwang 82) und IM Ulf von Herman (2373, SK König Tegel 1949) in der vierten Runde. Der Münchner Großmeister begann, seine diesmalige Rolle als Turnierfavorit glaubwürdig auszufüllen.

Was Ulf von Herman betrifft, so hatte der auch noch eine andere Aufgabe zu erfüllen, nämlich Nachwuchsspieler Alan-Ari Hübner (1532, TuS Makkabi Berlin) zu betreuen. Und was er von ihm in den vier Tagen zu sehen bekam, dürfte – im Gegensatz zur Partie gegen Gerald Hertneck – doch einige Freude bereitet haben. Bei einem Gegnerschnitt, der fast an die 2000 heranreichte, und damit vierhundert Punkte über der eigenen Wertzahl lag, holte der Berliner Nachwuchsspieler 50 Prozent der Punkte. Auch wenn der eine oder andere Zähler etwas glücklich zustande kam, schmälert das nicht die Tatsache, dass er mit Beharrlichkeit auf seine Chancen wartete, und wenn er sie plötzlich bekam, auch beeindruckend nutzte. Das Auftaktremis gegen Christof Beyer (1981, SK König Plauen) mochte da frühzeitig das nötige Selbstvertrauen geweckt haben, gegen deutlich stärkere Spieler zu beweisen, dass der Setzlistenplatz 102 nur eine statische Größe ist und nichts vom spielerischen Potential verrät, dass er bereits mit zwölf Jahren erworben hatte und in Görlitz natürlich gern zeigen wollte. In der zweiten Runde gegen Enrico Koch (1962, SC Tarrasch 45 München) war sogar noch etwas mehr drin als der halbe Punkt. Danach folgte eine zähe Verteidigungsleistung gegen Sachsenligaspieler Rainer Selig (1972, SV Ebersbach), der seine Gewinnversuche erst einstellte, als beide Türme das Schwerfigurenendspiel verlassen hatten und nur noch die Damen und Könige um die symmetrische Bauernstruktur lavierten. Gegen Oliver Fuchs (1808, SC 1994 Oberland) und Fred Heintel (1866, SV Grün-Weiß Wittenberg Piesteritz) gelangen ihm zwei schöne Partiesiege hintereinander: Während er beim ersten Partiegewinn einen Eröffnungsvorteil ins Mittelspiel mitnahm und trickreich eine Leichtfigur eroberte, die er bis zum Matt im Endspiel dominant verwertete, nutzte er bei seinem zweiten Erfolg, noch einmal mit einem Schwerfigurenendspiel konfrontiert, zwei schwächere Züge seines Gegners äußerst kaltblütig aus. Auch wenn sich Steffen Ranft und Hagen Jurkatis (1993, SK König Tegel 1949) für Alan-Ari Hübner noch als eine Nummer zu groß erwiesen, auch aus diesen beiden Niederlagen hat er gewiss gelernt. Vermutlich halfen ihm ja dabei schon die Worte, denen er manchmal Stimme und Saxophon leiht.

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„Der Morgen graut, die Sonne steigt,
der Magen fragt, wo’s Frühstück bleibt.
Die Küche bebt, der Boden schwankt,
Hungergefühl raubt den Verstand …
Ich träume vom Schlaraffenland …
Sorgen werden wegpüriert,
Probleme werden filetiert,
Nahrungsketten renoviert.“

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Der 53. Platz reichte am Ende ganz locker für einen Kategoriepreis. Nicht nur der stattliche Wertzahlzuwachs um sagenhafte 157 Punkte hatte ein bisschen was von Magnus Carlsen, auch der Orangensaft war schon jetzt selbstverständlich mit von der Partie.

In guter Form präsentierte sich auch wieder Norman Schütze (2195, SG 1871 Löberitz), nachdem ihm zuvor bei der Deutschen Meisterschaft in Osterburg überhaupt nichts gelang und am Ende nur der vorletzte Platz heraussprang. Seine Najdorf-Partie gegen Dirk Niese (1944, SV Ottendorf-Okrilla) in der 6. Runde gehört jedenfalls zu den wohl schönsten des gesamten Turniers, weil sie demonstrierte, wie effektiv ein Eröffnungsfehler ambulant am Brett behandelt werden kann, was also passiert, wenn Schwarz das theoretisch bekannte Springeropfer in der Dame-h3-Variante ignoriert. Nach dem siebenten Rang im Vorjahr, schaffte Norman Schütze mit fünf Punkten auf dem Konto, dieses Jahr auf Rang neun, wieder eine Platzierung unter die ersten zehn.

Genau diese Punktanzahl hatten sechs Spieler schon vor der Schlussrunde gesammelt, darunter die drei Großmeister Gerald Hertneck, Vladimir Sergeev (2535, SK Zikuda Turnov) und Zigurds Lanka (2365, TSV Schott Mainz) sowie die drei Internationalen Meister Kamil Stachowiak (2378, WSB Wrocław), Virginijus Dambrauskas (2307, VŠBK NSEL30) und Oleg Krivonosov (2454, TSV Schott Mainz). Eigentlich genügend Würze für ein spannendes Finale, zumal diese sechs Führenden gegeneinander anzutreten hatten, doch wer als Zuschauer unpünktlich war, also erst ungefähr zehn Minuten nach Rundenbeginn den Turniersaal betrat, um packende Duelle zu erwarten, fand stattdessen an den ersten sechs Brettern sich gleichende Bilder vor: weiße und schwarze Figuren in der Grundstellung, als ob die Partien noch nicht angefangen hätten, jedoch ganz im Gegenteil beinahe längst beendet waren. Gerald Hertneck sprach von Arbeitsverweigerung, als ausnahmslos alle hinter ihm spielenden Konkurrenten zwischen dem siebenten und zwölften Zug, innerhalb einer Blitzschachpartiedistanz, ihren sportlichen Ehrgeiz im Kampf um den Turniersieg aufgaben. Solch ein unprofessionelles Verhalten hat schließlich schon zu verzweifelten Konventionen wie der (erweiterten) Sofia-Regel geführt, nach der Spieler eine Partie erst nach dem 30. beziehungsweise 40. Zug beenden dürfen, unabhängig vom jeweiligen Willen der Spieler. Dass sich Schachspieler nicht gern etwas vorschreiben lassen und zeigen können, zu welcher Kreativität sie in einer Schachpartie tatsächlich fähig sind, ohne dass sie allzu lange dauern muss, beweisen die beiden russischen Schwestern Nadezhda und Tatiana Kosintseva regelmäßig eindrucksvoll bei hochkarätigen Turnieren. Die Zugfolge 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.Lxc6 dxc6 5.0–0 Lg4 6.h3 h5 7.c3 Dd3 8.hxg4 hxg4 9.Sxe5 Ld6 10.Sxd3 Lh2+ führt nach angenommenem Damenopfer, innerhalb von nur zehn Zügen, zwangsläufig ins Dauerschach. Und ewiges Schach kassiert jede Festlegung, die zu frühes Unentschieden, was immer das genau sein mag, um jeden Preis verhindern möchte. Wem das spanisch vorkommt, der hat richtig getippt. Ob World-Cup, Russische Meisterschaft oder Grand Prix, die Kosintseva-Schwestern finden einander Gefallen an dieser Variante, sobald sie gegeneinander antreten müssen.

„Schachspieler sind rückwärtsgewandt“, resümierte Gerald Hertneck, denn sie verschließen sich neuen Ideen. Dresscode ist beim Schach völlig egal, weil sowieso niemand zuschaut, oder wenn sich doch ein Besucher verirrt, dann ist niemand mehr da, der sich zuschauen lässt. Die Null-Karenz-Regel wird nur abgelehnt, weil Schachspieler keine Sportler sein wollen. Man stelle sich nur mal vor, der Schiedsrichter pfeift im Fußballstadion das Spiel an, und die Spieler sind noch nicht auf dem Platz, und wenn sie dann endlich vollzählig sind, verlassen sie ihn schon wieder nach zehn Minuten. Beim Schach funktioniert der Kulturverlust deshalb folgenlos, weil nur Rüpelsportarten für Hooligans attraktiv sind. Der klassische sportliche Ehrgeiz war aber durchaus auch zu finden, zum Beispiel bei Dr. Peter Möller (2019, HSG Uni Rostock). Nach dessen Studium auf seinen nächsten Gegner hatte er im schmucken Altstadthotel Tuchmacher einmal nur vier Stunden Schlaf gefunden, und also erst spät in der Nacht gemerkt, dass man sich auf diesen Gegner gar nicht vorbereiten kann.

Der Münchner Peter Heinrichsen (1701, SC Neuaubing 1946) ist lange Partien gewohnt. Sie gehören für ihn zum Selbstverständnis, weil etwas anderes als Leidenschaftlichkeit ohnehin niemals in Betracht käme. Ein Großmeisterremis tauscht er lieber gegen eine umkämpfte Partie, auch in der letzten Runde, wie mit Schwarz gegen Uwe Kurth aus Gräfenhainichen, und wenn es um nichts mehr geht, dann doch immerhin um das natürliche Ende einer Schachpartie. Interessant, spannend und dramatisch, diesen Dreiklang sucht er ständig, naturgemäß am liebsten als Dirigent. Selbst Gerald Hertneck entdeckte beim Zuschauen noch etwas Neues, denn dass im Königsgambit der schwarze d-Bauer zunächst gar nicht und dann so spät gezogen wurde, hatte er vorher noch nie gesehen. Beim Anblick des komfortablen Eröffnungsvorteils für Uwe Kurth ahnte man warum. Peter Heinrichsen ließ sich davon nicht beirren, ein paar kreative Angriffsideen verschafften ihm Gegenchancen weit bis ins fortgeschrittene Endspiel, aber im 69. Zug setzte die Konzentration auf einmal aus: Uwe Kurth graste mit einer Springergabel auf der Grundreihe den Turm ab, hatte aber für die restliche Partie nur noch eine reichliche Minute Bedenkzeit zur Verfügung, genügend zwar für eine direkte Gewinnführung, sehr wenig Zeit jedoch, um viele Gelegenheiten ungenutzt zu lassen, wie ein dreizügiges Matt nur etwas später. Als ein „JAWO(H)LL“ durch den ganzen Turniersaal tönte, einem Urschrei gleich, mochte man nicht glauben, dass Peter Heinrichsen, der den ständigen Mattdrohungen am Brettrand nur noch dahinschleichend entwischen konnte, zu so einem mordsfidelen Sound fähig war. Uwe Kurth hatte zwar aufgepasst, die restliche Bedenkzeit nicht zu überschreiten, dabei jedoch nicht mehr Obacht auf den eigenen Turm gegeben, der plötzlich auf die Jubeldiagonale von Peter Heinrichsens Läufer geraten war. Das Drama hatte am Ende also nicht nur ein ungeteiltes Echo gefunden, sondern auch geteiltes Leid. Man darf eben nicht das, was absolut unmöglich ist, mit dem verwechseln, was lediglich unwahrscheinlich und unnatürlich erscheint.

Türme und Läufer spielten auch an den Brettern sieben und neun eine große Rolle. Dort wurde nicht nur leidenschaftlich gekämpft, sondern auch verbissen. Das galt sowohl für die Partie zwischen Andreas Berthold (2085, Eintracht Ortrand) und IM Josef Pribyl (2262, ŠK Holdia DP Praha) als auch für die Begegnung zwischen GM Sergey Kalinitschew (2381, SC Kreuzberg) und Peter Bjarnehag (2148, Solna Schacksällskap), dem Präsidenten dieses schwedischen Schachvereins, der sich zusammen mit Thomas Johansson vom Schachklub aus Uppsala zum ersten Mal auf die weite Reise nach Görlitz begeben hatte. Ob gleichfarbige Läufer in der einen Partie oder ungleichfarbige in der anderen gegeneinander antraten, klare Gewinnstrategien zeichneten sich in beiden selbst beim besten Willen nicht mehr ab. Joseph Pribyl willigte im Turmendspiel mit Randbauer nicht gleich, aber wenigstens nach einer Weile ins Unentschieden ein. Sergey Kalinitschew katschte dagegen eine Stellung bis über den hundertsten Zug aus, die bereits um den fünfzigsten Zug herum nahezu unverändert auf dem Brett stand. Erst die Wirksamkeit der 50-Züge-Regel setzte der Endlosschleife ein Ende. Um das zu vermeiden, hätte Sergey Kalinitschew einen Bauern opfern müssen, ohne dadurch den kleinsten Fortschritt erzielt zu haben. Und so bewahrte er jenes Bauernopfer für die anschließende Analyse auf, nicht mehr mit der Besessenheit der Partiephase, so dass auch Peter Bjarnehag endlich Gelegenheit zum Aufatmen bekam. Das Turnierende war erreicht, die 50-Züge-Regel überstanden und damit eine Anstrengung, die viel höher ist, als nur die Sofia-Regel charmant anzulächeln oder gar gänzlich auszulachen.

Die Buchholzwertung ist eine Regel, die immer dann an Bedeutung gewinnt, sobald wegen Punktgleichheit der eindeutige Turnierausgang behindert wird. Diese so genannte Zweitwertung honorierte dieses Mal den Spieler, dem es nicht nur in der Eröffnungsrunde gelang, dank statischem Setzlistenplatz, am Tisch mit der Nummer eins Platz zu nehmen, sondern diesen Tisch bis zu seinem letzten Zug in der Finalrunde nicht mehr zu verlassen. Und als er ihn dann schließlich doch verließ, erhob er sich zu Recht. Sofort hatte er ein gutes Gefühl, erstens, in die Punkteteilung erst eingewilligt zu haben, nachdem sich seine Konkurrenz von ihrem Anspruch auf mehr in die Stille verabschiedet hatte, und zweitens, nach dem vierten Anlauf seit dem Jahr 2009 endlich am Ziel zu sein, in die ehrwürdige Liste der Turniersieger aufgenommen zu werden, und so gewann Gerald Hertneck das Äskulap-Turnier vor seinen Großmeisterkollegen Vladimir Sergeev und Zigurds Lanka gar nicht so knapp wie es der Anschein nur vermuten ließ. Unzufrieden ist Gerald Hertneck lediglich über die letzten zwei Partien, die er sich von Aronian angeschaut hat, weil er gleich beide nicht verstanden hat, und wenn er zum Abschluss noch auf Ivanchuk zu sprechen kommt, dann beschleichen ihn sogar Zweifel, und er rauft sich die Haare über den eigenen Großmeistertitel.

Einen Auflauf im Fischrestaurant zu bestellen, zeugt entweder von großem Heldenmut, blindem Vertrauen oder tiefer Verzweiflung. Jenen Auflauf im Gastmahl des Meeres verbindet Peter Heinrichsen jedenfalls mit einem großen Fehlgriff, denn was er auch für Zutaten darin ans Abendlicht förderte, war nicht zum Umarmen gedacht. Er fühlte sich an ein falsches Spiel erinnert, wie es in der Gesamtheit der Raffinesse sonst nur eine Schüttlerfrau zu inszenieren vermag, die den Schein hochhält und die Gegenleistung niedrig, ohne dabei ertappt zu werden. Dieses Mal konnte er noch rechtzeitig etwas davon abwenden, auch wenn es nur die Extraportion Sahne zum Eis war. „Sprühsahne, nein danke, dann bitte ohne Sahne.“ Vielleicht noch ein Glas Orangensaft oder doch lieber zum Schluss noch einmal Wasser in den Wein? Arkardij Naiditsch hat nach der Europameisterschaft ausgeplaudert, dass Bundestrainer Uwe Bönsch nichts gemacht hätte, außer Teewasser aufzusetzen. Was dem einen wert ist anzuklagen, kann dem anderen ein ewiger Wunsch bleiben: Steffen Ranft wäre jedenfalls froh, wenn er dafür jemanden zu Hause hätte.

XXIX. Äskulap-Turnier in Görlitz (A-Gruppe, 115 Teilnehmer)

Rang Teilnehmer TWZ Verein Punkte Buchholz
1. GM Gerald Hertneck 2531 MSA Zugzwang 82 5.5 31.0
2. GM Zigurds Lanka 2426 TSV Schott Mainz 5.5 29.0
3. GM Vladimir Sergeev 2521 ŠK Zikuda Turnov 5.5 29.0
4. IM Kamil Stachowiak 2413 WSB Wrocław 5.5 29.0
5. IM Oleg Krivonosov 2454 TSV Schott Mainz 5.5 28.0
6. IM Virginijus Dambrauskas 2307 VŠBK NSEL30 5.5 25.5
7. FM Karsten Schulz 2289 SC Neukloster 5.0 29.0
8. IM Ulf von Herman 2417 SK König Tegel 1949 5.0 29.0
9. Norman Schütze 2258 SG 1871 Löberitz 5.0 27.5
10. IM Cliff Wichmann 2361 ESV Nickelhütte Aue 5.0 26.5
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52. Christof Beyer 2039 SK König Plauen 3.5 25.0
106. Nils Süß 1766 SK König Plauen 2.0 18.0

Christof Beyer

© 2001-2012 Anett Sänger *** Schachverein Görlitz 1990 e. V.
letzte Aktualisierung am 18. November 2012