Kolumne: Schachzauberei zwischen Entrecôte...

Schachzauberei zwischen Entrecôte und Entenbraten oder hohe Stellungen in gebückter Haltung
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"Ich kenne von Görlitz nur den Weg vom Hotel zum Spiellokal."
(Dr. Peter Möller)
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Dr. Peter Möller (DWZ 1966, HSG Uni Rostock) ist ein Enthusiast bei dem, was er gerade tut, und wenn er in seinen Erinnerungen kramt und schwelgt, dann farbenfroh und mit viel Ironie gewürzt. Als Sherlock-Holmes-Fan kann er sich selbstverständlich noch detailgenau an seine erste Wanderung zu den Reichenbachfällen im Kanton Bern erinnern, dort wo Sherlock Holmes der berühmten Geschichte nach zusammen mit seinem Widersacher Professor James Moriarty nach erbittertem Kampf den Wasserfall hinabstürzte.

"Da haben wir alle hundert Meter einen Stein gesammelt. Davon gibt es zu Hause extra einen Setzkasten. Letztes Jahr waren wir erst wieder dort gewesen." Nach dem Setzkastenprinzip hat er auch seinem Sohn Stefan das Schachspielen beigebracht, als dieser gerade erst drei Jahre jung war. Damit der Weg nicht zu steinig verlief, weckte er den Schachappetit mit Gummibärchen, die er auf den Feldern auslegte, um regelgerechte Spuren vorzugeben, auf welche die Schachfiguren bei ersten Gehversuchen gelockt werden sollten. Viel später hat er seinen Sohn sogar mal ein fünfstündiges Testat schreiben lassen. Die väterlich-pädagogische Freude darüber ist unverbraucht offenherzig und kurvt immer noch zwischen leicht süffisant bis diebisch. Als Stefan aus dem Haus zog, verwandelte sich das Kinderzimmer sofort in ein Sherlock-Holmes-Zimmer. Zeit zum Schachspielen habe Stefan nicht mehr, da er jetzt an der Rostocker Universität viel arbeiten müsse, erzählte Peter Möllers Ehefrau, worauf Peter Möller selbst sogleich lachend hinzufügte: "Ich bin jetzt ungefähr 30 Jahre dort. An der Universität wurde noch nie viel gearbeitet." Und er erwähnte, dass es in all den Jahren nur eine einzige Wettkampfpartie zwischen Vater und Sohn gegeben habe, und zwar zur Vereinsmeisterschaft im Jahr 2007: "Die habe ich gewonnen." Und wieder freute er sich wie auf einen Urlaub, in dem es jeweils drei Lesetage gibt. "Da muss ich mir immer was vornehmen", so seine Ehefrau. "Einmal waren wir zur Bundesliga in Mülheim. Da durfte ich mir in der Zwischenzeit die Stadt ansehen." Was in Görlitz dem schachinteressierten Ehemann gegenüber ein Privileg sein kann, kommt in Mülheim jedoch einer Strafe gleich. "Ich kenne von Görlitz nur den Weg vom Hotel zum Spiellokal", gestand Peter Möller, und beide Möllers stellten fest, Görlitz doch einmal zu besuchen, wenn kein Schach gespielt wird. Abschließend erkundigte sich Peter Möller nach einem bestimmten Turnierteilnehmer, der nur zum Preisgeld rennt und danach gleich nach Hause verschwindet, anstatt noch an der Abschlussfeier teilzunehmen. Da ermittelt er Kulturverlust und würde stattdessen wenigstens Enthusiasmus vermitteln, den er selbst hat, als er beispielsweise im Jahr 2008 zur Weltmeisterschaft nach Bonn reiste und im Kramnik-T-Shirt vom ZDF interviewt wurde, konfrontiert mit der Frage, warum sich das jemand antut, Schachspielern fünf Stunden beim Schachspielen zuzusehen. Das Interview wurde zu seinem Erstaunen sogar gesendet, allerdings zur besten Mittagszeit, wenn oder damit es niemand sieht. Seine fünfstündige Partie gegen Rainer Kalbaß (1806, Schachclub 90 Niesky) in der 5. Runde sei dagegen nicht sehenswert gewesen: "Da war jeder Zug ein Fehler." Zwei bewegungslose, sich gegenseitig deckende Pferde bewachten sein Königreich zwar am Ende siegreich, aber alles andere als zuverlässig.

Wenn eine Rekordbeteiligung eine Jubiläumsauflage schmückt, dürfen es im Folgejahr auch mal ein paar weniger Anmeldungen sein. Das gehört zum Luftholen des Veranstalters, der dieses Mal 105 Teilnehmer beim Görlitzer Osterturnier begrüßte, darunter befanden sich drei Großmeister, zehn Internationale Meister, zwei Internationale Meisterinnen und zwei FIDE-Meister. Die Quantität stimmte also, die Qualität hielt Schritt, auch wenn Gerald Hertneck (2407, MSA Zugzwang 82) mühelos einen Schritt weiter denkt, selbst misst, weil er sich ungern für das Maß der Dinge hält: Wenn er an Nummer Eins gesetzt ist, kann ein Turnier nur schwach besetzt sein. (Der fünfmalige Turniersieger und Titelverteidiger GM Sergei Ovsejevitsch fehlte dieses Mal, während begonnene Unruhe in der Ukraine GM Viesturs Meijers veranlasste, sich intensiv um seine Familie zu kümmern und deshalb seine Teilnahme am Äskulapturnier kurzfristig abzusagen.) Dafür hielt es umso stärkere Überraschungen bereit, die ganz traditionell schon in der Eröffnungsrunde begannen. Die Punkteteilungen zwischen Rainer Kalbaß und IM Cliff Wichmann (2321, ESV Nickelhütte Aue) sowie zwischen FM Karsten Schulz (2223, SF Schwerin) und Nils Torzinski (1787, Schachunion Berlin) gehörten dazu, waren aber eben nur ein kleiner Vorgeschmack zum Anfang.

Ralf Schnabel (2202, ESV Nickelhütte Aue) gehörte zu den Spielern, die von mancher Überraschung überwältigt wurden. Wenn man die ganze Partie über komfortablen Vorteil verfügt, so wie gegen Holger Slama (1876, SV Gambit Kamenz), fällt es leicht, Remis abzulehnen – und schwer, schon nach dem nächsten Zug aufzugeben, weil die Ablehnung des Angebots mit einem Turmverlust koinzidiert. Im Schwerfigurenendspiel zwischen IM Drazen Muse (2341, SK König Tegel 1949) und Andreas Neumeyer (2037, SC Leipzig-Lindenau), eine Runde später, spielten zwei fehlerhafte Turmzüge, hintereinander auf demselben Feld ausgeführt, eine große Rolle. Der verfrühte Versuch des Einen, die Grundreihe zu besetzen, hätte fast einen halben Punkt gekostet. Als sich aber der Andere am besetzenden Turm vergriff, wog dies doppelt so schwer. Ein Ablenkungszug mit unbeteiligtem Turm auf der gegenüberliegenden Grundreihe hätte diese Partie stattdessen auf taktische Art und Weise sehenswert wieder ins Lot gebracht. Diese verpasste Gelegenheit und eine zugezogene Erkältung schlugen Andreas Neumeyer etwas später ausgerechnet auf den Magen: "Ich hab‘ heute überhaupt keinen Hunger auf Bockwurst." Der spielhungrige Richard Pixa (2053, SV Mattnetz Berlin) ließ in der 2. Runde IM Josef Pribyl (2240, ŠK Holdia DP Praha) im Endspiel böse stolpern. Der erfahrene tschechische Altmeister erlebte eine satte Bauchlandung, dabei schien er das Endspiel Läufer gegen Springer mit jeweils sechs Bauern souverän zu beherrschen. Der ruhige Seitwärtsschritt seines Königs erwies sich jedoch als äußerst explosive Tretmine. Der Berliner Nachwuchsspieler entkorkte ideenreich mit Schachgebot ein giftiges Bauernopfer, das entweder die Bildung eines Freibauern auf der h-Linie ermöglichte oder den eben noch dominanten Kontrollläufer ersatzlos vom Brett genommen hätte. Josef Pribyl setzte auf undurchsichtige Momente nach Figurenopfer, immerhin sammelte er dafür zwei Bauern ein, die ihm nun nicht mehr im Weg standen, ein verbundenes Freibauernpärchen mit königlicher Unterstützung nach vorn preschen zu lassen, und es hätte tatsächlich noch einmal gefährlich werden können, nachdem der lauffreudige Springer beinahe das gesamte Brett erkundete, unterwegs auf dem Damenflügel gegnerische Bauern einsammelte und schließlich rechtzeitig in die Defensive auf den Königsflügel zurückkehrte, aber mit viel Überblick fand Richard Pixa den rechten Weg auch ohne Gummibärchen und schickte das herangestürmte Freibauernpärchen in die Ressourcenleere. IM Paul Hoffmann (2326, USV TU Dresden) wurde mit Weiß bereits in der Eröffnung ausgetrickst. Nach einem angenommenen Bauernopfer auf d6 im Richter-Rauser-System dauerte es nur noch neun weitere Züge, bis er lehrreich überspielt war. IM Emilio Moreno Tejera (2351, SF Berlin 1903) gab zu erkennen, dass er sich bloß mit der Rolle des Äskulapdebütanten nicht zufriedengeben wollte. In den ersten fünf Runden gab er nur ein Unentschieden ab, übernahm mit einem halben Punkt Vorsprung die Tabellenführung vor zwölf Verfolgern und spielte auch in der nächsten Partie gegen den polnischen IM Michal Luch (2393, SK Zehlendorf) in einem Najdorf-Sizilianer angriffslustig auf Sieg. Von einem Remisangebot im 9. Zug ließ er sich in seinem Drang allein schon deshalb nicht bremsen, weil es viel zu früh kam. "Ich habe Remis abgelehnt. Ich möchte spielen. Ich weiß, ich kann auch verlieren." Das ist spanisches Temperament, sympathisch vorgetragen. Auch wenn sich die Partie nach 27 Zügen trotzdem in einer Zugwiederholung verfing, die Absichtserklärung, auch zum Turnierende nicht in Bequemlichkeit zu verfallen, und also Punkte keinesfalls früh zu teilen, war ein belebendes Moment und eine deutliche Kampfansage gegen Gewohnheiten, die dem Schlendrian den ungezügelten Vorzug geben.

Auch das tschechische Nachwuchstalent Pavel Haase (1711, ŠK PORG Praha) kannte keine Angst. Mit insolenten Mittelspielideen und geduldiger Endspielbehandlung brachte er einige stärkere Gegner ins Wanken und zum Sturz. Als Uwe Kurth (1865, VfL Gräfenhainichen) im Mittelspiel einen weißen Zentrumsbauern erobern wollte, offenbarte ein simpler Springerrückzug mit Mehrfachwirkung alle schwarzen Schwachstellen auf einmal: ungedeckte Leichtfiguren, entwurzelter Randspringer und unrochierter König in der Brettmitte. Die Kombination aus Doppelangriff und drohendem Schachgebot leiteten den Partieerfolg am Eröffnungstag ein. Gleich am nächsten Tag, im Endspiel mit Schwarz gegen Torsten Zuther (2085, BSG Grün-Weiß Leipzig), befanden sich noch jeweils Turm, schwarzfeldriger Läufer und drei Bauern auf dem Brett. Mit dem Beginn eines Turmreigens lenkte Pavel Haase erst den gegnerischen König zur Verteidigung eines angegriffenen Randbauern hin, um danach mit dem eigenen König rasch ins weiße Hoheitsgebiet einzudringen und dort den zuvor blockierten Freibauern zu flankieren. Der Abschluss des Turmreigens bildete gleichzeitig eine Brücke für das unbehelligte Treiben des Freibauern. In den nächsten beiden Runden gab es zwar eindrückliche Lehrstunden von FM Sebastian Eichner (2316, ESV Nickelhütte Aue) und Daniel Rous (2047, ebenfalls ŠK PORG Praha), aber gegen Frank Wiese (1853, Think Rochade, SC HRO) zeigte er in einem langen Turmendspiel das Reigenmotiv und die Kunst des stabilen Brückenbaus erneut erfolgreich.

Steffen Michel (2048, VfL Gräfenhainichen) lieferte in der letzten Runde dagegen eine Bauanleitung, wie man erfolgreich alle Brücken hinter sich abbricht. Sein Grand-Prix-Angriff lief alles andere als großartig, und nach der ersten Partiehälfte hatte er für das frühe Figurenopfer auf f7 keine Kompensation mehr. Doch als sein Gegner Mike Kasper (1729, SV Mattnetz Berlin) eine wichtige Gelegenheit versäumte, um den Vorteil auszubauen, pendelte die Stellung auf einmal wieder zurück ins Gleichgewicht, was bei Steffen Michel nur neue Opferbereitschaft nährte. Mit dem ersten Qualitätsopfer entblößte er die Deckung des Königs, während das zweite Qualitätsopfer – nur fünf Züge später – notwendig war, den Angriff weiterhin am Leben zu erhalten. Als Schwarz auch das zweite Opfer gefräßig annahm, brauchte Weiß nur noch zwei Züge, um mit den übrig gebliebenen drei Figuren Dame, Läufer und Springer ein unwiderstehliches Mattnetz zu spinnen. Bei Verweigerung der letzten fetten Lockspeise hätte es Weiß schwer gehabt, noch einen Gewinnweg zu finden. So aber konnte sich Steffen Michel zurücklehnen und die Arme genüsslich verschränken. Nur von den hochgekrempelten Pulloverärmeln wollte die Anstrengung noch nicht weichen.

Dieses taktische Feuerwerk wäre unumstritten die schönste Äskulappartie gewesen, wenn es nicht eine Runde zuvor zwischen dem russischen GM Igor Yagupov (2408) und IM Roland Berzinsh (2386, TSV Schott Mainz) zu einem ganz besonderen Osterspaziergang des weißen Königs gekommen wäre. Dass die Philidor-Verteidigung nicht ruhig verlaufen muss, beweisen berühmte Kurzpartien wie das Seekadettenmatt. Hier gewann der Partieverlauf nach Zentrumsöffnung schnell an Schärfe. Schwarz bot einen ganzen Turm auf a8 an und bekam dafür im Zentrum und auf dem Damenflügel unkalkulierbares, brandgefährliches Figurenspiel gegen die poröse Struktur in der langen Rochadestellung. Der weiße König flüchtete nach gescheiterem Eröffnungskonzept schon bald aus seinem Versteck immer mehr in Richtung Brettmitte, wo er nach ruheloser Verfolgungsjagd schließlich von Dame, Turm und drei Leichtfiguren gleichzeitig gestellt wurde. Den geopferten Turm hatte Schwarz zu diesem Zeitpunkt längst zurückbekommen.

In Görlitz war der Kinostart der Hollywoodinszenierung "Grand Budapest Hotel" gerade erst ein paar Tage alt, als Gerald Hertneck seine ganz eigene Hotelkomödie erlebte, die mehr an den Episodenfilm "Four Rooms" der vier Regisseure Allison Anders, Alexandre Rockwell, Robert Rodriguez und Quentin Tarantino erinnerte. Für insgesamt 500 Euro hätte der Münchener Großmeister beinahe in drei Zimmern des Hotels „Alt-Görlitz“ übernachten können: Das erste Zimmer stand nach einer (als nicht abgeschlossen geglaubten) Internetbuchung bei einem Reiseanbieter zur Verfügung, das zweite Zimmer nach telefonischer Buchung im Hotel selbst, und das dritte Zimmer hatte Turnierleiter Thomas Liebs insgeheim längst gebucht. Also musste die zweite Buchung wieder rückgängig gemacht werden und kurz darauf auch die erste, als sich der Reiseanbieter mit der freudigen Kunde einer erfolgreichen Buchung bedankte. Da das Hotel "Alt-Görlitz" von Ostersamstag zu Ostersonntag ausgebucht war, wurde für eine Verlängerung um eine weitere Nacht ein viertes Zimmer und ein Umzug ins Hotel "Meridian" notwendig. Schachspielerisch lief es für den Hoteltester und ausgerufenen Turnierfavoriten ebenfalls nicht besonders bequem. "Die haben alle gegen mich geklammert." Das begann schon in der dritten Runde: "Paul Hoffmann hat einen Abtauschfranzosen gespielt, weil er unbedingt das Fußballspiel von Dynamo Dresden sehen wollte." Sein Remisangebot kam bereits im 12. Zug. Es blieb also genug Zeit für einen Besuch im urigen Altstadtrestaurant "Zum Flyns". Und während es auf dem Rasen für Dynamo Dresden gegen Erzgebirge Aue blutig ausging, wollte Gerald Hertneck in einer kleinen gemütlichen Nische gerade zum Entrecôte greifen, erkannte aber einen Augenblick später, am Entenbraten nicht vorbeizukommen. Beim Umschauen im Restaurant fiel ihm eine kleine Geschichte ein, als er in New York den berühmten Chess Club besuchte: "Man hat gemerkt, dass sie sich Mühe gegeben haben, aber die Einrichtung war für europäische Verhältnisse schon ziemlich schäbig." Als er vor ein paar Jahren in New Orleans war, traf er jemanden auf der Straße, der für Geld spielen wollte. Eine Partie sollte zehn Dollar kosten, also fragte er, was passiere, wenn er gewönne. In diesem Fall gäbe es den Einsatz zurück, aber das würde nicht passieren. Gerald Hertneck gewann gleich die erste Partie und danach auch die zweite. Nun kamen beide endlich ins Gespräch und stellten fest, schon einmal zusammen ein Schnellschachturnier gespielt zu haben. Bei der Verabschiedung verriet der Straßenspieler beiläufig noch ein kleines Geheimnis. Er erzählte, dass man die nächste Seitenstraße langgehen müsse und dann zum Haus von Paul Morphy käme – unglaublich für Gerald Hertneck im damaligen Augenblick, und damit zurück zur Gegenwart: zu Maria Schöne (2207, SG Aufbau Elbe Magdeburg).

Nach 35 Zügen stand die Magdeburgerin mit gesicherter Stellung und zwei fetten Mehrbauern total auf Gewinn. Doch dann passierte "das Wunder von Görlitz – vorgetragen vom Schachzauberer GM Hertneck", wie es Drazen Muse bezeichnete. Der 37. Zug von Schwarz wurde bereits unter dem Druck leichter Zeitnot gespielt. Dieser zwar völlig logische Zug hätte Schwarz beinahe um die Früchte der Arbeit gebracht. Nach dem 39. Zug witterte Weiß erstmals wieder Morgenluft, weil der Bauer auf g6 nicht mehr zu halten war. Vier Züge später konnte auch der zweite Minusbauer zurückgewonnen werden. Wegen der idealen Postierung der schwarzen Figuren stand Weiß allerdings immer noch schlechter. Doch nach dem 45. Zug verdarb Schwarz die Partie ausgerechnet in dem Moment, als ein studienhafter Gewinn möglich erschien: 45...Le3! 46.Sg6+ Kf6 47.Sf4 Sc4! 48.Kh3 Lxf4 49.Lxc4 Tc3! 50.Kg2 Txg3+ 51.Kf2 Th3. Nach dem anstrengenden Partieverlauf war jedoch so viel Präzision nur noch schwer am Brett zu finden, und so zauberte sich Weiß endgültig wieder zurück ins Spiel.

Wechselhaft verlief auch eine Partie in der letzten Runde, an der einmal mehr Ralf Schnabel beteiligt war. Er fand einen interessanten Bauernspieß, musste dafür aber vorübergehend einen Läufer opfern. Als es drei Züge später so aussah, als würde er die Leichtfigur nie mehr wiedersehen, wollte er die Partie fast schon aufgeben. Nach dem 35. Zug von Schwarz verließ er geschockt das Brett und ging nach draußen. An der frischen Luft dachte er noch einmal über das eben Geschehene nach, bis ihm plötzlich eine Eingebung kam. Also kehrte er zurück, betrachtete das Ganze noch einmal aus anderem Blickwinkel und fand genau diesen einzigen Zug, der alles fantastisch rettete. Ein Turmrückzug mit anschließendem Seitwärtsschrittchen brachte das geopferte Material zurück, bescherte sogar dank eines Mehrbauern eine bessere Stellung und ließ einen kurzen Dialog zwischen beiden Spielern entstehen: "Wie gewonnen, so zerronnen", antwortete Uwe Kurth ungläubig beim Anblick des 36. Zuges von Weiß. "Das sehe ich aber nicht so. Was hättest du denn sonst ziehen sollen", entgegnete ihm Ralf Schnabel mehr als Antwort denn als Frage, der zwanzig Züge später die Partie ein weiteres Mal verdarb, wonach die Gewinnstellung endgültig zum Unentschieden schmolz. Der nüchterne Blick verriet ihm gleich im Anschluss: "Was ich gezogen hab‘, war völlig unnötig, ich brauch‘ bloß ruhig weiterzuspielen." Auch dieses Mal hatte er danach die Situation richtig eingeschätzt.

Draußen hörte man seit einer Weile Drazen Muse kopfschüttelnd über seine unnötige Niederlage gegen Emilio Moreno Tejera schimpfen. Kurz vor dem Kontrollzug unterlief ihm in ausgeglichener Position ein folgenschweres Missgeschick, so dass er zweizügig auf der Grundreihe überwältigt wurde. Dabei hatte er sich mit Weiß noch eine Chance auf den Turniersieg erhofft. Den schnappte sich nun der Spanier, der als Einziger sechs Punkte holte, vor den beiden Internationalen Meistern Roland Berzinsh und Michal Luch mit fünfeinhalb Punkten. Für Gerald Hertneck reichte es nach schnellem Schlussrundenremis nur zum achten Platz. Igor Yagupov wurde, ein bisschen sinnbildlich, gar nur Dreizehnter. Als er zur Siegerehrung kam, breitete er seine Arme aus, lächelte und sagte: "Scheiße", eine kurze, präzise Ansprache, die ausdrückt, dass er sich wohl ein bisschen mehr versprochen hatte. Aber schließlich kann nicht jeder Äskulapdebütant auch Turniergewinner werden. Emilio Moreno Tejera gelang dieses seltene Kunststück, und bei der Verabschiedung gewährte er Turnierleiter Thomas Liebs auf das Stichwort "Bis nächstes Jahr zum nächsten Turniersieg" einen nuancierten Ausblick: "Sagen wir bis zum nächsten Jahr, aber nicht gewinnen."

Beim Schachspiel kommt es auf die richtige Körperhaltung an. Die einen liegen neben dem Schachbrett oder schweben leicht darüber, lassen dabei die Varianten verträumt durch den Kopf sausen, andere thronen selbstbewusst und körpergespannt über dem Schachbrett, als würden sie mit der einen Hand im nächsten Zug mattsetzen und mit der anderen Hand es mühelos schaffen, einen Stuhl am vorderen Bein so anzuheben, dass die Sitzfläche horizontal bleibt. Manche nehmen vor Anstrengung die Farbe eines Rotkohls ein (wie Boris Gelfand) oder schütteln permanent den Kopf (wie Hikaru Nakamura), was bei Schachspielern allerdings gar nichts zu bedeuten hat, fühlen sich diese doch während einer Schachpartie permanent verfolgt. Nur nicht lächeln, empfahl einst Viktor Kortschnoi, sondern böse sein und alle niederringen. Dabei kommt es doch nur darauf an, wie genau läuft jetzt ein Pferd, und warum läuft’s um die Ecke, denn nur das hat wirklich manchmal etwas mit dem wahren Leben zu tun. Ein Pferd. Ein Pferd. Mein Königreich für ein Pferd. Das ist ein bisschen Schach und noch mehr Drama. Mein Pferd für ein Königreich, – daran wird sich Richard Pixa besonders erinnern.

XXXI. Äskulap-Turnier in Görlitz (A-Gruppe, 105 Teilnehmer)

Rang Teilnehmer TWZ Verein Punkte Buchholz
1. IM Emilio Moreno Tejera 2425 SF Berlin 1903 6.0 32.5
2. IM Roland Berzinsh 2349 TSV Schott Mainz 5.5 33.0
3. IM Michal Luch 2447 SK Zehlendorf 5.5 33.0
4. FM Sebastian Eichner 2354 ESV Nickelhütte Aue 5.5 29.5
5. GM Mikail Ivanov 2366 SF Bad Mergentheim 5.5 29.5
6. IM Oleg Krivonosov 2444 TSV Schott Mainz 5.0 33.0
7. IM Kamil Stachowiak 2434 SK Zehlendorf 5.0 32.5
8. GM Gerald Hertneck 2473 MSA Zugzwang 82 5.0 32.5
9. IM Drazen Muse 2415 SK König Tegel 5.0 31.0
10. IM Paul Hoffmann 2352 USV TU Dresden 5.0 30.5
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61. Christof Beyer 1992 SK König Plauen 3.5 21.5

Christof Beyer

© 2001-2015 Thomas Liebs *** Schachverein Görlitz 1990 e. V.
letzte Aktualisierung am 12. April 2015