Kolumne: Londoner System am Telefon...

Londoner System am Telefon und der grüne Läufer oder Zappeln unterm Tisch gegen den Sarkasmus
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"Zu den wichtigsten Lehrgebäuden im Leben zählt das schlichte Kartenhaus."
(Martin Gerhard Reisenberg)
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Der Beginn des XXXII. Äskulap-Turniers verlief ungewöhnlich stürmisch. Nicht auf dem Schachbrett. Der Eröffnungstag – ein multiples, unaufhörliches und launisches Wechselbad mit Donnerwetter: Regen, Sonne, Schnee, Schneeregen, Regensturm und dazwischen Lichtblicke trügerischen Sonnenscheins – empfing die Äskulapianer, darunter manche mit tief heruntergezogener Mütze und Miene, andere mit zittrigen Händen, tief in den Hosentaschen vergraben, draußen unter äußerst turbulenten Bedingungen und bescherte drinnen in der wetterfesten Wartburg deshalb einige ereignislose Auftaktpartien.

Der angemeldete Setzlistenerste, der Internationale Meister Oleg Krivonosov aus Lettland, kam beispielsweise gar nicht erst in Görlitz an. Andere Teilnehmer erreichten das Ziel erst mit sehr großer Verspätung: beispielsweise die Frauengroßmeisterin und sachsen-anhaltinische Landestrainerin, Tatjana Melamed, die selbst ein zuverlässiger Sonnenschein ist. Sie begab sich zusammen mit ihren vielen Schachkindern zwar schon mittags auf die Reise, ahnte aber nicht, erst abends um 19 Uhr in Görlitz anzukommen. Bereits kurz nach der Abfahrt in Halle geriet sie zuerst in einen Stau, dann kippte direkt vor ihr ein Lastkraftwagen um. Da hatte Steffen Michel (DWZ 2113, VfL Gräfenhainichen) schon einen Tag Sturmerfahrung hinter sich und auf die Bahn gesetzt. Als er (vor seiner Görlitzreise) Dienstagnacht endlich zu Hause ankam, war vorher ein Baum auf den Zug gestürzt. Er war froh, doch noch rechtzeitig hier in Görlitz zu sein, und also konnte er seine Auftaktpartie erleben, die, beinahe schon als Zugabe betrachtet, sogar einen erfolgreichen Ausgang fand.

Über erfolgreiche und tragische Ausgänge trägt Holger Borchers viele lehrreiche Erinnerungen tief in sich und locker auf der Zunge, sowohl als Trainer als auch als Spieler. Zu seinen frühesten Abenteuergeschichten zählen Turmendspiele, und sogleich erinnert er sich dreißig Jahre zurück, an den Sommer 1985, in Wilhelmsthal (bei Eisenach): Zu dieser Zeit war er Trainer einer wunderbaren Mannschaft in der Altersklasse 9/10. Haushoher Favorit auf den Pokalsieg war allerdings nicht sein junges Stahl-Niederschönhausen-Team, sondern Pionierhaus Wismar. Bei einem Mannschaftsieg im direkten Aufeinandertreffen in der letzten Runde hätte Stahl Niederschönhausen noch vorbeiziehen können. Holger Borchers sagte zu seinen Jungs, dass die Mannschaft am nächsten Tag gewinnen würde, die am besten ausgeschlafen sei. (Dabei erzählte Holger Borchers, dass er schon immer gern Kinder und Jugendliche manipuliert habe.) Also kam Mannschaftskapitän Patrick Werner mit dem Vorschlag zu ihm, am letzten Abend nicht zum traditionellen Lagerfeuer zu gehen, sondern stattdessen früh ins Bett. »Dit wollt’ ick natürlich och nich’, dat die off dit Lagerfeuer verzichten, waa. Da werden immer Würstchen auf einem Stock jegrillt und danach jibt et dit Feuerwerk. Also hab’ ick zu Patrick Werner jesagt, dat die Mannschaft darüber abstimmen soll.« Nach einer kurzen Weile kam der Käpt’n mit dem Abstimmungsergebnis wieder zurück: Die Mannschaft sei einstimmig dafür, nur der Ersatzspieler dagegen. Also sagte Patrick Werner zum Ersatzspieler, dass dieser als Einziger zum Lagerfeuer gehen müsse. »Überleg’ dir dit mal, dit sollte ’ne Strafe sein ... Patrick Werner war schon mit neun Jahren ein richtiger Diktator.« Am nächsten Tag führte Wismar bereits mit 2½:1½, es liefen nur noch zwei Partien mit zwei völlig ausgeglichenen Turmendspielen, davon hatte Ronny Gaerths auch noch ein Turmendspiel mit Randbauer, bei dem es gar keine Aussicht mehr auf Gewinn gab. »Aber dit Mädel aus Wismar hatte schon Streichhölzer in den Augen, und die hätte die och jeknackt. Ick hatte den Jungs extra vorher jesagt: Ihr müsst lange Partien kneten, damit die müde werden.« Das Sommermärchen fand ein glückliches Ende: Die Berliner Jungs gewannen beide Turmendspiele und den Pokal. In der Zeitung stand später geschrieben: »Einundsiebzig Mannschaften gingen zum Lagerfeuer, eine ging ins Bett.«

Zu diesem Zeitpunkt war Holger Borchers noch Trainer und Spieler. Heute ist er nur noch Trainer, und zwar ein sehr erfolgreicher A-Trainer. Seine letzte Schachpartie spielte er bei einem Berliner Betriebsschachturnier. So richtig aktiv war er da längst nicht mehr, aber diese einzige Ausnahme gestattete er sich. Dafür nahm er einmal im Monat eine Fahrt mit der S-Bahn von Lichtenberg nach Steglitz in Kauf, Fahrzeit: eine Stunde. In der Nacht konnten daraus leicht anderthalb Stunden werden. Sein Beweggrund: »Nach der Partie saß man dann immer noch schön jemütlich beim Bierchen zusammen.« In den Wertzahllisten war Holger Borchers nicht mehr vertreten, und wenn er gefragt wurde, welche DWZ er eigentlich habe, fiel seine Antwort immer denkbar knapp aus: »Keene.« »Und welche Elo?« »Och keene.« »Aber Sie müssen doch früher mal eine DWZ gehabt haben.« »Weeß ick nich’ mehr.« An dieser Stelle folgte die einleuchtende Erklärung: »Wenn ick denen früher immer meine DWZ verraten habe, konnt’ ick druff warten, dat spätestens im 10. Zug een Remisanjebot übers Brett jeröchelt kam, und dann hab’ ick dit nich’ mehr verraten.« Eines Abends spielte Holger Borchers also jene Partie, die seine letzte werden sollte. Nachdem er 7.Db3 gezogen hatte, überlegte er, ob er nach 7...De7 wohl noch die berühmte Morphy-Partie aus seinem Gedächtnis repetieren könne. Sein Gegner zog jedoch völlig überraschend 7...Dd7??, und zwei Züge später war die Partie vorbei. »Mein Jegner hatte ’ne 1900, aber 8...Dc6??, so ’n Zug hätte auch jemand mit ’ner 1200 jefunden. Danach bin ick glei’ nach Hause jefahr’n. Auf dit Bier hätt’ ick ja noch drei oder vier Stunden warten müssen, die anderen spielten ja noch alle. Da bin ick für neun Züge ’ne Stunde nach Steglitz jefahr’n und ’ne Stunde wieder zurück nach Hause. Da hat’ ick’ die Nase endjültig vom Schach voll. Seitdem hab’ ick nie wieder ’ne Schachpartie jespielt.«

Dafür macht ihm die Arbeit als Trainer umso mehr Spaß. Wenn er mit jungen Mädchen trainiert, beobachtet er immer wieder Schwierigkeiten, weißfeldrigen und schwarzfeldrigen Läufer voneinander zu unterscheiden, wenn beispielsweise die eine Seite das Läuferpaar besitzt, die andere Seite aber nur noch einen Läufer und einen Springer. Also kam er eines Tages auf die Idee mit dem grünen Läufer: Das ist genau der Läufer der einen Seite, den die andere Seite nicht mehr auf dem Brett hat. Und das haben die jungen Mädchen begriffen und verinnerlicht. Manchmal kommt eine junge Dame zu ihm und verrät voller Stolz: »Herr Borchers, ick hab’ den grünen Läufer.« Dass er ausgerechnet in seiner letzten eigenen Partie mit dem grünen Läufer gewann, ist eine besonders hübsche Borchers-Pointe.

Insgesamt 107 Teilnehmer, darunter 14 Titelträger: zwei Großmeister, neun Internationale Meister und drei FIDE-Meister, hielten dem herzhaften Willkommenssturm stand und schafften es an die aufgebauten Schachbretter unter dem schützenden Dach des Hauses Wartburg. Der Internationale Meister Drazen Muse (2326, SK König Tegel 1949) brachte dieses Mal seinen Großmeisterbruder Mladen Muse (2348, SK König Tegel 1949) mit, der beim Osterturnier in Görlitz etwas Ablenkung und vielleicht sogar etwas mehr finden sollte, dank eines gewagten Feldversuchs: mit mentaler Transformation von hauptstädtischer Langeweile in provinzielle Idylle, mit anderen Worten landschaftlich formuliert: Er sollte endlich mal von zu Hause raus. Ahmed Anibar, ein marokkanischer Landsmann (2221, ebenfalls Spieler beim Schachklub König Tegel 1949), schloss sich ihnen als Äskulapdebütant an. In der ersten Runde blieben fünf Bretter nach Ablauf der Karenzzeit von einer Stunde noch unbesetzt, darunter befand sich allerdings auch das Spitzenbrett des lettischen Turnierfavoriten. Unter den fünf Vermissten schafften aber nur die beiden Magdeburger Nachwuchsspieler Jonas Roseneck (1833, SG Aufbau Elbe Magdeburg) und Benjamin Wagner (1563, SG Aufbau Elbe Magdeburg) am nächsten Morgen (nach kurzer Erholung von der langen Odyssee in den ganz nahen Osten mit ihrer Landestrainerin) doch noch den Sprung hinein ins eher vertraute Turniergeschehen. Und allmählich kehrten auch die österlichen Überraschungsmomente dorthin zurück, wohin sie der Turnierveranstalter am liebsten wünscht, nämlich aufs Schachbrett, und nicht selten beteiligten sich daran quirlige Nachwuchsspieler als unliebsame Favoritenschrecks.

Mert Acikel (1895, SV Mattnetz Berlin) entführte gleich zur Turniereröffnung mit einer forcierten Turmschaukel dem ukrainischen Großmeister Vladimir Sergeev (2450, Kijów) einen halben Punkt. Einem anderen Nachwuchstalent, Maximilian Paul Mätzkow (1954, ESV 1949 Eberswalde), gelang in der zweiten Runde beim Übergang vom Damen- ins Bauernendspiel ein lockeres Unentschieden gegen den Internationalen Meister Kamil Stachowiak (2457, SK Zehlendorf). Ebenso beachtlich waren die Punkteteilung im abenteuerlichen Turm-Springer-gegen-Turm-Läufer-Endspiel zwischen Uwe Kurth (1920, VfL Gräfenhainichen) und dem Internationalen Meister Roland Berzinsh (2397, TSV Schott Mainz), der kurz vor der Zeitkontrolle noch kürzer vor dem Rand einer positionellen Niederlage stand, sowie der kuriose Erfolg David Ostens (1936, SV Schachfreunde Friedrichshagen), der in einer wilden Angriffspartie gegen Ahmed Anibar fast bis zum Schluss eine perspektivlose Stellungsruine verteidigte, dann sogar noch eine brachiale Dauerschachmöglichkeit entdeckte, die wie aus heiterem Himmel erschien und deshalb seinen Gegner tief beeindruckte, dass dieser die Partie so umgehend wie unnötig aufgab.

Bernd Grill (2182, SV Ebersbach) verzauberte dagegen seine Gegner mit Schwarz bevorzugt im Endspiel, mit Kombinationen aus feinen strategischen Nadelstichen und überraschenden taktischen Wendungen: zunächst mit glänzend harmonierendem Läuferpaar gegen den isolierten Turm, als geeignetes Mittel gegen Benni Czaja (1720, SG Grün-Weiß Dresden), lebenswarme Jugendträume möglichst beharrlich auf positionellem Weg allmählich in platzende Seifenblasen zu verwandeln, später mit elegantem, aus Läufer und Springer bestehendem Traumpärchen, das zugleich zwei gegnerische Türme schwindlig tanzte und sich erst voneinander trennte, als beim Schweden Ulf Wallgren (2138, Solna Schacksällskap) ein Turm als sichere Qualitätsbeute ausgemacht war. In der dritten Runde gelang Andreas Krakow (1706, SV Görlitz 1990) eine hübsche Miniatur. Er erwies sich für den deutlich stärkeren U14-Nachwuchsspieler Niklas Renger (2028, SG Grün-Weiß Dresden), im Vorjahr Sachsenmeister und Vierter bei der Deutschen Einzelmeisterschaft in der noch jüngeren Altersklasse U12, als unerwartete Spaßbremse: Im Moment des Gleichgewichts verließ der sizilianische Drachenläufer arglos seine Behausung. Umgehend schlug es hinter ihm in der Königsfestung mit Abzugsschach und Dameneroberung unbarmherzig ein. Eine noch schönere Kurzpartie, in der sich die schwarze Dame zur Abwechslung einmal auf sehr nachdrückliche Weise siegreich opferte, gelang Norbert Bauer (1957, SAV Torgelow-Drögeheide 90) gegen FIDE-Meister Hendrik Hoffmann (2143, Schachgemeinschaft Leipzig). Die am kürzesten entschiedene Vorstellung dauerte gerade einmal 12 Züge. Dieses Dramolett weckte Erinnerungen ans vergangene Jahr und offenbarte dreierlei Übereinstimmung, und zwar hinsichtlich des späten Zeitpunkts, der prominenten Besetzung und des nüchternen Resultats. Wieder trafen Uwe Kurth und Ralf Schnabel (2167, ESV Nickelhütte Aue) in der letzten Runde aufeinander. Nur die vertauschte Farbverteilung verlieh der Wiederauflage, die diesmalig drei Bretter weiter vorn zur Aufführung kam, etwas Neues. Das sehr bald Geschehene und sofort zu Sehende konnte Weiß nicht fassen:
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1.e4 d5 2.exd5 Dxd5 3.Sc3 Dd6 4.d4 Sf6 5.Sf3 c6 6.Lc4 Lg4 7.h3 Lxf3 8.Dxf3 e6 9.Dd3 Sbd7 10.Lg5 Dc7 11.0–0–0 h6 12.Lh4?? Df4+ 0–1

»Ich habe ein Déjà-vu-Erlebnis.« (Uwe Kurth, 4. April 2015)
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Alexander Wiesner (1774, Karlsruher SF 1853) gehörte dieses Mal zu den erfolgreichsten Nachwuchsspielern. Er startete zwar nur vom Setzlistenplatz 80, mit vier Punkten spielte er sich im Turnierverlauf jedoch weit nach vorn und landete am Ende auf dem 31. Platz. Nur Richard Pixa (2113, SV Mattnetz Berlin) und zwei Spieler seiner Altersklasse: Maximilian Paul Mätzkow und Emil Schmidek (2142, TuS Makkabi Berlin), Letzterer wurde knapp zwei Monate später neuer Deutscher Meister in der U14, rangierten auf den Plätzen 18, 28 und 29 noch weiter vorn.

Norbert Bauer spielte in der 5. Runde mit Schwarz gegen Alexander Wiesner mit großer Überlegenheit, nachdem Weiß im komplexen Mittelspiel eines Sveshnikov-Sizilianers ein grober positioneller Schnitzer unterlief. Dennoch gab es etwas während dieser Partie, das den Torgelower schwer beeindruckte und leicht ablenkte, seinen Kopf hob und den Blick senkte im Erschrecken: diese nicht nachlassende Bewegungsenergie seines jungen Gegners am Brett. Also probierte er es mit einem Gespräch, wie es sonst nur im Kaffeehaus üblich ist: »Der Tisch wackelt.« Die Antwort folgte prompt, für Norbert Bauer allerdings unerwartet nonverbal: »Dem Alexander Wiesner fehlt der Sinn für Sarkasmus, der hat tatsächlich unter den Tisch geschaut, woran es liegt, dass der Tisch wackelt.« Vielleicht war er nur deshalb plötzlich abgetaucht, um solcher Spottlust subito zu entgehen, denn ständige Bewegung liegt in der Familie. Vater Frank Wiesner (1964, Karlsruher SF 1853) ist leidenschaftlicher Marathonläufer. Völlige Ruhe kehrt erst zu Hause bei ihm ein, wenn nach einem doppelten Marathon die Fußsohlen nur noch aus rohem Fleisch bestehen. Dann hat Zappeln etwas mit dem Weckruf der Überlebensgeister zu tun. Alexanders Schwester Paula ist übrigens noch ein größeres Schachtalent. Wäre sie nicht zur selben Zeit rastlos beim Schüleraustausch in Costa Rica unterwegs gewesen, hätte auch sie in Görlitz wieder mit voller Emotion gespielt.

Alexander Wiesner zeigte sich hellwach, als Benno Pankrath (1919, SV Grün-Weiß Wittenberg-Piesteritz) während der zweiten Runde im Mittelspiel den Faden verlor, ein Bauernscheinopfer nicht durchschaute und alsbald zusehen musste, wie sein Turm nach zwei Damenschachs das Brett verließ. In der nächsten Partie überrannte er Maximilian Mätzkow im schnörkellosen Königsangriff. Eine Platzierung um Platz 20 war zum Greifen nahe, hätte er sich in der Schlussrunde nicht mit der Zugwiederholung begnügt und stattdessen Niklas Renger noch etwas zappeln lassen. Doch selbst der Wertzahlzuwachs von neunzig Punkten illustrierte die hervorragende Turnierleistung des jungen Baden-Württembergers, der sich mit Sarkasmus noch ganz viel Zeit lassen kann.

Peter Möller (1997, HSG Uni Rostock) reiste dieses Mal ohne seine Ehefrau in die Neißestadt, hatte dafür aber 27 Bücher mitgebracht und dennoch das allerwichtigste zu Hause vergessen, ein Eröffnungsbuch über das Londoner System, das er am liebsten noch am Mittwoch bei Thalia in Görlitz bestellen wollte. Es galt aber außerdem noch, sein Hotelzimmer auf zugesagte Großzügigkeit zu inspizieren. Das festgestellte Ergebnis konnte sich sehen lassen und hätte dem Hotelier geschmeichelt: »8,73 Meter mal 5,50 Meter, das Bad wird natürlich mitgerechnet.« Peter Möller hatte nämlich mal eine Übernachtungsperle gebucht, die als groß angepriesen wurde, als er aber die Tür aufmachte, stand er schon an der gegenüberliegenden Wand. »Die haben gemogelt, der Schuhputzautomat ragte auch noch ins Zimmer rein.« Seitdem vermisst er das Zimmer mit einem Blatt Papier im A4-Format und zieht die fehlenden Zentimeter einfach wieder ab. Der Besuch in der Buchhandlung Thalia führte nicht zum erhofften Erfolg, denn eine Lieferung konnte ihm erst für Samstag in Aussicht gestellt werden, wenn das Turnier wieder vorbei ist. Also rief er kurzerhand seinen Sohn Stefan an, ließ sich von ihm alle Varianten aus dem Buch vorlesen und tippte sie in seinen Computer. Diese Prozedur dauerte siebzig Minuten, und dieser besondere Vorbereitungsfleiß sollte sich als lohnend erweisen, denn in drei seiner vier Weißpartien gelang es Peter Möller, das Londoner System aufs Brett zu stellen. Und wenn er darüber spitzbübisch erzählt, dann auch deshalb, weil das Londoner System den Verruf der Langweiligkeit geradezu genießt, mit Vorurteilen übersät ist und sehr unterschätzt wird, deshalb auch nur Nachwuchsspielern empfohlen wird, die es ohnehin schwer haben, sich dynamisch weiterzuentwickeln. Andererseits wird dieses Londoner System in der letzten Zeit immer mehr bereichert, weil es auch in der Weltspitze mittlerweile öfter zur Anwendung kommt. Diese vermeintliche Mauerblümcheneröffnung verbirgt umso tückischere Eröffnungsfallen, wie das Beispiel des harmlos wirkenden Springertauschs auf dem Feld d7 im 10. Zug zutreffend demonstriert:
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1.d4 Sf6 2.Sf3 e6 3.Lf4 c5 4.e3 Sc6 5.c3 d5 6.Sbd2 Ld6 7.Lg3 0–0 8.Ld3 De7 9.Se5 Sd7!? 10.Sxd7 Schwarz wird vor eine kritische Entscheidung gestellt, denn das natürlich wirkende Zurückschlagen mit dem Läufer 10...Lxd7? führt bereits zwingend zum Partieverlust: 11.Lxd6 Dxd6 12.dxc5 Dxc5 13.Lxh7+! Dieses freche Standardopfer ist möglich, obwohl Weiß schon zwei Leichtfiguren abgetauscht hat. 13...Kxh7 14.Dh5+ Kg8 15.Se4! Dieser Springerzug ist der eigentliche Clou. Wegen der ungedeckten schwarzen Dame auf c5 darf der d-Bauer nicht schlagen. Nach 15...g6 16.Sxc5 gxh5 17.Sxd7 17...Tfc8 18.Sf6+ Kf8 19.Sxh5 wird nun für jedermann offensichtlich, warum der 10. Zug von Schwarz ein schwerer Fehler war: Weiß hat zwei Bauern mehr und steht im Endspiel deshalb auf Gewinn.
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In der Weißpartie gegen den U12-Nachwuchspieler Florian Dietz (1695, Reideburger SV 90 Halle) schien das behäbig anmutende Londoner System die geeignete Kindsbehandlung zu sein. Nach dem erstmaligen Rückzug des Londoner Läufers von f4 nach e3 im 37.Zug stand Weiß sehr aussichtreich. Die Stellung unterschlägt allerdings, dass die fehlende Qualität bei Weiß einem gedanklichen Aussetzer vor 15 Zügen entsprang – und nicht etwa einem langfristigen positionellen Opfer, wie es später den Anschein erweckte. Doch mit der unerwarteten Gewinnmöglichkeit konnte Florian Dietz nichts anfangen, weil auch er die gesamte Energie schon zum Zappeln brauchte. Als die angegriffene schwarze Dame nun nach vorn auswich, statt sich brav zurückzuziehen, wurde Weiß ein äußerst ästhetischer Damenfang ermöglicht, der mit einem filigranen Rückzug der eigenen Dame auf die Grundreihe begann. Gewöhnlich breitet sich der Angreifende aus, und der Verteidigende zieht sich zurück. Hier war es genau umgekehrt und deshalb besonders schick.

Mit besonders jungen Nachwuchsspielern hatte es Holger Slama (1881, SV Gambit Kamenz) geballt in der zweiten Turnierhälfte zu tun. In der Vormittagspartie gegen Malte Hundrieser (1436, SV Roter Turm Halle) konnte er seinen glühenden Kopf noch aus der Schlinge ziehen, nachdem er einen taktischen Einschlag übersah, und rettete wenigstens den halben Punkt. In der Nachmittagsrunde überfiel ihn Hugo Post (1663, Reideburger SV 90 Halle) fulminant am Königsflügel. Der Hallenser legte zuerst krachend den König frei, ließ danach den Springer toben und setzte mit Damenopfer einen Schlusspunkt. Nicht umsonst fand Holger Slama für den Jahrgang 2004 drei durchaus anerkennende Worte: »Diese kleinen Biester.« Max Hülse (1583, Forster Schachclub 95) ist ungefähr doppelt so alt, Erholung gab es keine. Holger Slamas Drama setzte sich fort: Seine Dame wurde allenfalls leicht bedrängt, als sie aufgescheucht die Deckung ihres Aktivpostens auf f4 aufgab. Dort, wo Peter Möller sonst am liebsten seinen Läufer zur Schau stellt, hatte es sich der Springer des Kamenzers bequem eingerichtet und nicht mit einem sofortigen Feldverweis gerechnet. Wenigstens die letzte Runde spendete ihm ein Quäntchen Trost und lieferte anderen noch so manche Überraschungsgabe.

Vor der letzten Runde lagen die drei Internationalen Meister Kamil Stachowiak, Lukasz Butkiewicz (2329, SC Idar-Oberstein) und Drazen Muse sowie Großmeister Vladimir Sergeev mit jeweils fünf Punkten gleichauf. Die Auslosung ermittelte folgerichtig unter diesen vier erfolgreichen Punktesammlern zwei interne Duelle, am Brett 1: IM Stachowiak – IM Butkiewicz und am Brett 2: IM Muse – GM Sergeev. Diese Konstellation ließ beim Kampf um den Turniersieg zumindest auf große Suspense hoffen. Die beiden Internationalen Meister aus Polen machten es auf ihre eigene Weise ungewöhnlich spannend, mal gänzlich ohne Anwesenheit am Brett, mal als Solovorstellung mit Buddha-Pose und manchmal als vom Schach entrücktes Pärchen, das sich vor Schmerzen selbst an den Kopf fassen musste. In der Zwischenzeit tickte die Zeit herunter, jene Bedenkzeit die beide benötigten, um darüber tief ins Grübeln zu geraten, welchen Ausgang wohl die Konkurrenzpartie am zweiten Brett nehmen würde. Unter Berücksichtigung des neu eingeführten 30-Sekunden-Inkrements pro Zug dauerte dieses Schauspiel exakt eine Stunde ohne Zugabe. Ganz nebenbei wurden elf Züge fabriziert.

In solchen Momenten zog sogar das Londoner System mehr Publikum und Fassbrause an. Die Begegnung zwischen Peter Möller und Christian Rösler (1787, SC 90 Niesky) war von langer Dauer, aber nie langweilig und entwickelte sich sogar zum Krimi und schließlich zur längsten Äskulappartie der Schlussrunde, als ab dem 59. Zug das seltene Endspielkapitel Turm und Läufer gegen Turm aufgeschlagen wurde. Selbst wenn man die Verteidigungsstrategie 7-2-1 kennt, bei der sich der verteidigende König auf der letzten Reihe befindet, während der Turm entweder von der ersten bzw. zweiten Reihe Schachgebote sendet oder sich auf der siebten Reihe als permanentes Pattopfer anbietet, ist diese Endspielbehandlung selbst für viele Großmeister alles andere als trivial. So ist es keine Schande, dass Christian Rösler erstmalig im 81. Zug und endgültig im 82. Zug im Mattnetz hängen blieb.

Drazen Muse konnte seine Partie im 59. Zug gewinnen. Den Sieg hatte er zwölf Züge zuvor eigentlich schon wieder weggeworfen, so dass er sich dafür hätte gleich am Brett erdrosseln können. Umso erstaunlicher ist es, dass einem so erfahrenen Großmeister wie Vladimir Sergeev, der immer dasitzt wie ein unverrückbarer erratischer Block, die Nerven versagten, der sich im Endspiel gleich drei ungewöhnlich feiste Fehler erlaubte. Drazen Muse wurde dieses Mal für seine Geduld und seinen Erfolgsdrang mit dem Turniersieg belohnt. Als einziger Spieler erreichte er sechs Punkte und behielt einen halben Punkt Vorsprung vor dem Verfolgerquintett, bestehend aus den Internationalen Meistern Lukasz Butkiewicz, Kamil Stachowiak, Roland Berzinsh und Paul Hoffmann (2328, USV TU Dresden) sowie dem titellosen, aber dennoch so spielstarken Äskulapdebütanten Ahmed Anibar.

Drazen Muse war in höchster Freude, und das gleich in doppelter Hinsicht: »Nächstes Jahr komm’ ick wieder, denn zweimal gewinnen macht mehr Spaß als nur einmal gewinnen.« Und es gab noch etwas, das beinahe schwerer wog, auf jeden Fall noch mehr Langmut erforderte als der frisch errungene Turniersieg, eben wahrhafte Lebensgeduld voraussetzte: »Mein Bruder ist Großmeister und hatte eine Elo von 2500. Ick hatte über 2400. Ick wollte immer besser sein als mein Bruder. Auf dem gemeinsamen Weg nach unten hab’ ick ihn jetzt endlich überholt.« Ein Pünktchen besaß er vor dem Turnier mehr auf seinem Elo-Konto. Nun hat er aber auch in der DWZ-Wertung die Nase vorn. Drazen Muse lag 22 Wertzahlpunkte hinter seinem Großmeisterbruder, aber der Äskulapsieg bescherte ihm auf einmal 29 Punkte Vorsprung. Wurde der ältere Bruder Mladen etwa nur deshalb von der Hauptstadt in die Provinzfalle gelockt? Diese kleine Frage in dieser lebendigen Abenteuergeschichte eines Jungen, die er selbst noch einmal erzählte und lebte, bleibt unentschieden. Unter Brüdern ist das naturgemäß nur etwas für die Muse.

XXXII. Äskulap-Turnier in Görlitz (A-Gruppe, 107 Teilnehmer)

Rang Teilnehmer TWZ Verein Punkte Buchholz
1. IM Drazen Muse 2391 SK König Tegel 1949 6.0 31.5
2. IM Lukasz Butkiewicz 2426 SC Idar Oberstein 5.5 33.0
3. IM Kamil Stachowiak 2457 SK Zehlendorf 5.5 31.5
4. IM Roland Berzinsh 2397 TSV Schott Mainz 5.5 30.0
5. IM Paul Hoffmann 2358 USV TU Dresden 5.5 29.0
6. Ahmed Anibar 2279 SK König Tegel 1949 5.5 27.5
7. GM Vladimir Sergeev 2450 Kijów 5.0 31.0
8. IM Cliff Wichmann 2358 ESV Nickelhütte Aue 5.0 30.5
9. IM Virginijus Dambrauskas 2328 VSBK NSEL30 5.0 29.5
10. Bernd Grill 2213 SV Ebersbach 5.0 29.5
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44. Christof Beyer 1952 SK König Plauen 4.0 23.0

Christof Beyer

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letzte Aktualisierung am 20. März 2016